Gevatter Tod.
Line lveihnachtsgeschichte von L. Budde.
(Fortsetzung.)
er arme alte Jens! Es waren viele Jahre verflossen, seit er in die Schule gegangen war, und in der ganzen Zeit hatte sich niemand seiner Erziehung angenommen. So war es denn wirklich an der Zeit, daß Tippe kam und dafür sorgte. Vieles hatte der alte Jens vergesfen, was er einmal gekonnt hatte, er war alt und grau geworden mit seinen zahlreichen Untugenden, und es war kein Leichtes, jetzt das Versäumte nachzuholen. Aber Tippe war ein geborner Schulmeister, er war sehr bestimmt in seinen Forderungen, sicher und beharrlich in ihrer Durchführung, und dabei hatte er eine eigne Art und Weise, alles aufs liebenswürdigste anzugreifen. Und das mußte man dem alten Jens lassen, er hatte die besten Vorsätze. Das half über die Schwierigkeiten hinweg und machte selbst das Schwerste angenehm, sodaß alles wie im Spiel ging.
Zu allererst sollte er lernen, ein freundliches Gesicht zu machen und liebenswürdig dreinzuschauen; das ward ihm sauer, denn darin hatte er gar keine Übung. Wie hätte auch ein alter, runzeliger Kerl, der nichts andres mit den Leuten zu thun hatte, als sie zu begraben, denken können, daß er jemals Verwendung für ein freundliches Lächeln und liebenswürdige Mienen haben würde? Aber kaum war er mit Tippe in Berührung gekommen, so hatte er auch schon die beste Verwendung dafür.
Das Manöver mit dem Zeigefinger war ein unvergleichlicher Einfall, und der alte Jens hatte allen Grund, stolz darauf zu sein. Aber wie alle menschlichen Erfindungen, hatte auch diese ihre Grenzen und genügte nicht in allen Fällen. Zuweilen konnte er dastehen und mit dem Finger drehen, ohne auch nur den Schatten eines Lächelns Tippes kleinem, rundem Gesicht zu entlocken. Grenzboten IV. 1387. 62