Goethe und Rochlitz.
von Adolf Stern.
jas Erscheinen der Weimarer Gesamtausgabe von Goethes Werken hat in die stille, aber rege Thätigkeit, nach und nach alle Zeugnisse für das Leben und die Beziehungen des Dichters zu sammeln, einen neuen Zug gebracht, hat viel Verborgenes und darunter Wichtiges ans Licht gefördert, manches längst Bekannte ln neue Beleuchtung gerückt, das Material für die künftige Goethebiographie beträchtlich vermehrt. Es ist kaum nötig zu sagen, daß die wahre Bedeutung dieses Materials in allen Fällen nicht sogleich abgeschätzt werden kann, und daß einzelne Mitglieder der Goethegemeinde den Wert zufälliger Funde und untergeordneter Veröffentlichungen bei weitem zu hoch anschlagen. Anderseits wird niemand einen dauernden, bestimmten Zwecken geltenden Briefwechsel, den Goethe (zunächst gleichviel mit wem) geführt hat, als unwesentlich und nichtig ansehen können; denn von jeder über Jahre hinweg erhaltenen brieflichen Verbindung des Dichters gilt das Wort Herman Grimms: „Man meint, Goethe habe nichts zu thun gehabt, als fortwährend Briefe zu empfangen und zu beantworten, welche sämtliche Interessen betrafen, die innerhalb einer Epoche in Umlauf sind. Mit einer Gewissenhaftigkeit, Feinheit, Sicherheit, Behendigkeit und zugleich mit einem wnern Behagen, welches ihn niemals als belästigt, sondern stets als in der besten Laune erscheinen läßt, hält er alle diese Fäden in seinen Händen und mmmt unablässig neue hinzu, eine Leistung, die ihn nach dieser Richtung allein !chon als mit übermenschlicher Kraft ausgerüstet erscheinen läßt." Hat dies schon bei Briefwechseln, die nur über einen beschränkten Zeitraum hinweg reichen, volle Wahrheit, um wie viel mehr trifft es auf eine Beziehung zu, wie sie eben wieder durch Goethes Briefwechsel mit Friedrich Rochlitz, herausgegeben von Woldemar Freiherrn von Biedermann (Leipzig, F. W. von Biedermann), unsrer Erinnerung näher gebracht wird. Die Veröffentlichung ist zwar nur "ach einer Seite eine völlig neue, insofern bei diesem Anlaß die Briefe, die Friedrich Rochlitz an den Groß- und Altmeister gerichtet hat, zum ersten male gedruckt werden, während die Briefe Goethes teils aus dem vou Otto Iahn (1849) herausgegebenen Buche „Goethes Briefe an Leipziger Freunde," teils aus Nachträgen bekannt waren uud nur um weniges vervollständigt worden sind. Die Bereinigung uud Gegenüberstellung der beiderseitigen Briefe ergiebt jedoch erst ein klares und, setzen wir gleich hinzu, wahrhaft erfreuliches Bild des ganzen Verhältnisses zwischen Goethe und dem liebenswürdige» Leipziger Schriftsteller, Grenzboten IV. 1887. 64