Literatur.
351
Herz haben müssen, wenn du dich anders benommen hättest! ist mir später zu meinem Troste gesagt worden. Arglos glaubte ich, Herr Schwanenburg habe mir einen Antrag gemacht, und während ich in sein schönes, reines Antlitz blickte, dachte keine Faser meines Herzens daran, daß ich einem Gottesleugner gegenüberstehe, sondern mein Herz schmiegte sich bereits an das seinige. Aber während meine Brnst von der zartesten Empfindnng schwoll und meine Lippen nur wenige Worte leise hervorzubringen vermochten, durchzuckte plötzlich meine Seele eine Ahnung und siehe da! sie hatte das Nichtige getroffen. Der Phantast hatte gar nicht an eine Heirat, sondern nur an ein wirtschaftliches Zusammenleben gedacht. Ich fühlte mich aufs tiefste beleidigt und gekränkt. I» dieser Demütigung erblickte ich eine Strafe des Allmächtigen. Hätte ich der inneren Stimme, die mich ganz und gar für die soziale Arbeit gewinnen wollte, nicht ein so entschiedenes Nein entgegengesetzt, so würde mir der Gedanke an eiue eheliche Verbindung gar nicht so nahe gelegen und mich nicht irregeleitet haben. Außerdem betrachtete ich den Vorfall wie eine Prüfung, iu der ich mich nicht bewährt hatte. Ich sagte mir, daß ich nicht würdig sei, schon jetzt mit meiner großen Idee an die Öffentlichkeit zu treten, da ich noch nicht die Kraft besäße, nur ihr zu leben, und ich beschloß daher, ruhig zu warten, bis ein unzweideutiger Ruf von außen an mich Herauträte. (Schluß folgt.)
Literatur.
Politische Geschichte der Gegenwart. Von Wilhelm Müller, Professor in Tübingen. 20. Band: Das Jahr 183ö. Berlin, I. Springer, 1887.
Eine „Geschichte" der Gegenwart läßt sich bekanntermaßen aus vielen Gründen nicht schreiben, wohl aber einen brauchbaren Rückblick nuf die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit, und einen solchen sind wir seit fast zwei Jahrzehnten gewohnt, ans der Hand des Verfasfers zu empfangen. Geschickte Anordnung des Stoffes, Frische und Übersichtlichkeit der Darstellung kaum entschwundener Dinge und ein verständiges politisches Urteil über sie machen den neuen Band, wie die vorigen, allen Zeitnngslesern empfehlenswert. Was verschiedncn Blättern über das Verhalten des Königs von Baiern im Jahre 1870 und namentlich über dessen Kaiserbrief nacherzählt wird, bedarf teils der Berichtigung, teils der Ergänzung, die sich gegenwärtig aber noch nicht geben läßt.
Abhandlungen aus dem staatswissenschaftlichen Seminar zu Straßburg. Heft IV: Die oberclsnssische Baumwollenindnstrie und ihre Arbeiter, auf Grund der Thatsachen dargestellt von Dr. Heinrich Herkner. Straßbnrg, K. Trnbner, 1337.
Der Verfasser behandelt den nicht bloß für Fachleute, -sondern für die weitesten Kreise interessanten Gegenstand zum erstenmale in vollkommen befriedigender Weise, d. h. wissenschaftlich und doch auch für Laien verständlich und lehrreich. Das erste