284 Die Berliner Singakademie nnd die musikalische Volksbildung.
Welche das Beste von der Zukunft seines Schweizer Volkes hofft, und mit der Charakteristik dieser gesunden Jugend seines Vaterlandes schließt er den Roman.
Zweifellos steht dieses Werk hinter keinem einzigen der frühern Meisterstücke der Kellerschen Kunst zurück, und es hat vor dem ersten Romane die größere Gedrungenheit der Komposition und die reifste plastische Darstellung aller einzelnen Personen voraus. Hier ist kein einziger Strich, der nicht seine reiche poetische Bedeutung hätte, und der Reichtum der Beziehungen, in welche die Gestalten gebracht siud, ist erstaunlich. Man denke nur an Martin Sakaudcr, der uns als Ehemann, als Vater, Geschäftsmann, Politiker, Freund und schließlich noch in menschlichem Irrtum als Liebhaber vorgestellt wird! Man thut daher Unrecht, mit kühler Hochachtung von diesem neuen Werke des Züricher Meisters zu sprechen; fast möchte man eben diese kühle Reserve nach allen literarischen Erfahrungen als das glänzendste Anzeichen für seine ruhmreiche Zukunft ansehen. Wenn aber ein Rezensent den vor all den gesprochenen Leitartikeln nnd Parlamentsrcden bis auf fünfzehnhundert langweilige Seiten aufgedunsenen Roman Spielhagens: „Was will das werden?" über Kellers Werk setzt, so hat sich der Kritiker selbst ein Denkmal seiner Geschmacklosigkeit gesetzt.
Wien. Moritz Necker.
Die Berliner Singakademie
und die musikalische Volksbildung.
ie Gestalt des ehrwürdigen Professors Grell, des Direktors der Berliner Singakademie, wird vielen unsrer Leser in pietätvoller Erinnerung fortleben. Im August 1886 starb er im sechsund- cichtzigsten Lebensjahre zn Steglitz bei Berlin. Soeben hat nun sein Schüler Professor Heinrich Bellermann nach dem Willen des Verstorbenen ein Buch") veröffentlicht, das uns die tiefsten Bestrebungen Grells wieder lebhaft vor Augen stellt. Es geziemt sich, daß wir bei der bleibenden Bedeutung seines Wirkens uns etwas genauer über diese Bestrebungen unterrichten. Das Buch enthält — wie Grell selbst sagt — seine „musikalischen Grnndansichten," das Fuudmnent seiuer Lehre. Meist sind die in dem Buche enthaltenen Aufsätze Gutachten, die vom Kultusminister amtlich erfordert wurden.
Aufsätze und Gutachten über Musik von Eduard Grell. Nach seinem Tode herausgegeben von Heinrich Bellermann. Berlin, Springer, 1L37.