Phantasiearmut und Illustrationswut.
nser ganzes Geschlecht, vornehmlich aber unsre heranwachsende Jugend, ist arm an Phantasie. Das ist eine Klage, die oft und nicht am wenigsten ans dein Mnnde derer gehört wird, die nnser Volt und unsre Jugend kennen; man wird ihr mich die Berechtigung nicht absprechen können. Phantcisicmangel ist eine Art seelischer Blntarmnt, nicht gerade eine Krankheit, wohl aber ein nngesunder Znstand; und die krankhafte Blässe, die glanzlosen Augen im Antlitze unsrer Zeit hat wohl jeder bemerkt, der dieses Antlitz überhaupt zu schanen versteht.
An diesem Phantasiemangel trägt nicht nur die ganze Richtung unsrer Zeit schnld, sondern vor allein anch nnsre Pädagogik. Es darf dies umso offener ausgesprochen werden, als ganz vor kurze», ein bedeutender Pädagog die Phantasie geradezn das Stiefkind der neueren Pädagogik nannte. Stiefkinder läßt man nicht gerade verhungern, aber man setzt sie zurück. Wie weit muß die Phantasie jetzt zurückstehen hinter den rechten Kindern der Pädagogik, der Erkenntnis und Anschauung! Überall fast gilt es als erster Grundsatz alles Lehreus: „Nur dem Kinde nichts lehren, was es nicht vollständig versteht! Nnr nichts in seinen Jdeenkreis einführen, was nicht dnrch Anschauung unterstützt werden kann!" Es sei fern von uns, den Wert der Anschauung überhaupt uud besonders für einige Unterrichtsfächer in Frage zu stellen. Die Naturgeschichte und die Naturlehre können ohne genügende Anschauungsmittel nicht erfolgreich gelehrt werden. Beide Unterrichtszweige lasse» der Phantasie keinen Raum. Ob es nuu aber nötig ist, dem Quintaner das Tierskelett und dem kaum vierzehnjährigem Tertianer das Knvchengerippe des Menschen vorzuführen, ist doch bestreitbar. Mit Recht hat man behauptet, daß frühzeitiger Einblick in die geheimen Werkstätten der Natur dem kindlichen Wesen weit mehr schade, als er dem Verstände nützt. Verschone man doch die Kindheit mit Dingen, die sie im Grunde genommen nicht versteht trotz aller Skelette, Kopfauerschnitte und Eingeweidemodelle! Das Grauen vor dem Knochcngespenst ist etwas weit Natürlicheres als die altkluge Ruhe, mit der der Knabe die einzelnen Teile desselben erklärt.
Auch die Geographie bedarf der Anschauungsmittel. Tcllnrien, Globen und Landkarten sind unentbehrlich geworden. Auch wie viel diese Anschauungsmittel an Klarheit, Deutlichkeit und Übersichtlichkeit gewonnen haben, ist bekannt.