Htill-Leben in einer böhmischen Landstadt.
ar viele, die über öffentliche Dinge schreiben und reden, können darum keine rechte Ansicht von diesen haben, weil sie immer nur die Verhältnisse der großen Stadt, in der sie leben, vor sich sehen: diese aNein ist ihnen maßgebend, ihre Bedürfnisse, ihre Meinungen, ihre Bildung ist es, die sie ohne weiteres einem ganzen Lande zuschreiben möchten. Nirgends ist ein solcher Schluß falscher als in Osterreich, wo nicht nur die städtische Bevölkerung überhaupt gering ist, sondern wo auch so viele kleine Städte nichts sind als große Dörfer, deren Interessen ganz mit denen des flachen Landes zusammenfallen- Wir wollen damit nicht etwa jenem etwas städtefeindlich klingenden Ausspruche eines österreichischen Ministers beipflichten, der vor zwei Jahren in der hauptstädtischen Presse so lebhaft zurückgewiesen worden ist, wir wollen nur sagen, daß es vor allem notwendig sei, das flache Land kennen zu lernen, wenn man den eigentlichen Kern eines Staates ergründen wolle. Die großen Städte haben heute alle ein mehr oder minder internationales Gepräge, ans dem Lande aber wohnt noch volkstümliche Eigenart, da sprudelt der Quell, in dem sich die Staatskraft erneut, da fiud noch die Fäden deutlich sichtbar, welche die Gegenwart mit der Vergangenheit verbinden. Und so wird es vielleicht kein ganz undankbares Geschäft sein, aus diesem Lebenskreise dem Leser ein Bild hier vorzuführen.
Das Landstädtchcn, das wir schildern wollen, liegt an dem innern Rande des Böhmerwaldcs, dort, wo Gebirge und Ebene sich scheiden, an der Grenze deutschen und slawischen Sprachgebietes. Von der Eisenbahn ist es vierthalb Fahrstunden entfernt, von der Landeshauptstadt ciue volle Tagereise weit. Seine historische Entwicklung ist ebenso typisch für eine Reihe böhmischer Städte, wie sein Leben und Treiben in der Gegenwart. Im Mittelalter lag es am Endpunkte einer wichtigen Straße, die übers Gebirge hinüber nach Passau führte, blühte so als Handelsemporium und erfreute sich — obwohl nur kurze Zeit eine freie königliche Stadt — stets einträglicher Privilegien. Noch zeugen Neste der Stadtmauer, die gothische Kirche, einzelne stattliche Giebelhäuser aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert von dem alten Glänze. Hcnte treiben die Bewohner weder Handel noch Gewerbe — nur die Strumpfwirkerei ist von einiger Bedeutung —, sie nähren sich vom Ackerbau. Aus dem einst so reichen Besitztum hat die Stadt nur die Wälder gerettet, die sie nmgeben. Die Leute glauben, wenn sie nur einmal die Eisenbahn hätten, so müßte sich ihnen ein ergiebiger Holzhandel eröffnen und ihrer Armut abhelfen. Denn sie sind arm,