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Allerlei Laufbahnen.
Leider war diese Genügsamkeit nicht von Dauer. Er machte die Entdeckung, daß „geistige Arbeit" viel zn schlecht bezahlt werde, und konnte insbesondre durch das Studium der Jnseratenspalten zu den galligsten Aeußerungen hingerissen werden. Welche Summen gaben da Leute, die garnicht studirt hatten, geschweige so viele Jahre wie er, jahraus jahrein für Ankündigungen von allein möglichen Schwindel hin: Beweis genug, daß sie noch viel mehr dabei verdienen mußten! Die Kollegen gingen iu der Regel auf solche Betrachtungen überhaupt nicht oder nur in scherzendem Tone ein, bis endlich einer ihm ungeduldig antwortete: er sei ja Doktor, er möge seine Praxis ausüben, das sei gewiß einträglicher. Seitdem legte sich Schmanch über dieses Thema Schweigen auf, wurde auch zurückhaltender mit seinen literarischen Erzeugnissen. Das Verhältnis zwischen den beiden wurde ein still feindseliges, und nicht lange darauf l'ain es zn einem förmlichen Bruch.
Der gereizte Kollege fing nämlich Plötzlich an, spöttische oder wegwerfende Bemerkungen über Leute zu machen, welche sich unrechtmäßiger Weise Titel und Würden beilegte«, und wurde endlich in seinen Anspielungen so deutlich, daß Schmauch dieselben auf sich beziehen mußte. Ich versuchte, mich ins Mittel zu legen, indem ich geltend macht?, daß so viele Journalisten mit dem Doktortitel angeredet würden, weil es nicht gebränchlich sei, „Herr Journalist" zu sagen, und daß, wer sich das gefallen lasse, sich noch nicht etwas anmaße, was ihm nicht gebühre. Aber auf eine solche Einrede schien der andre nur gewartet zu haben. Er zeigte triumphirend eine Karte vor, auf welcher deutlich zu lesen stand: „Dr. mscl. Schmauch." Wir blickten diesen erstaunt au, der noch mehr erstaunt zu sein schieu. Weshalb er deuu vou sciuem Titel keinen Gebrauch machen solle? Er besitze doch sein Diplom so gut uud so rechtmäßig wie irgend ein andrer! Die Fragen nach dem Wann und Wo seiner Promotion wollte er anfangs nicht beantworten, rückte aber, in die Enge getrieben, zuletzt mit der Wahrheit heraus.
Es war die Zeit, iu welcher eiu spekulativer Kopf auf einer der britischen Inseln im Kanal in allen Zeitungen den voctor in absöntia, ausbot. Daß die amerikanischen Universitäten, von welchen angeblich die Diplome ausgestellt wurden, entweder garnicht existiren oder doch nicht das Recht zur Verleihung akademischer Grade haben, war noch nicht allgemein bekannt, und so hatte sich auch der gnte Schmauch verleiten lassen, eine für seine Verhältnisse bedeutende Summe für eiu wertloses Pergament hinzugeben.
Alle schüttelten den Kopf über seine Eitelkeit, die ihm niemand zugetraut hatte; bald jedoch sollte offenbar werden, daß wir ihn in ganz andcrm Sinne falsch beurteilt hatten: auch er war eiu spekulativer Kopf. Wieder war es sein Gegner, der die Enthüllung brachte. Er hatte in den Anpreisungen von Geheimmitteln gefunden, daß Dr. mvil. Schmanch bezeugte, die Areana untersucht uud als völlig unschädlich, aber sehr wirksam erkannt zu habeu. Diese Entdeckung führte zu Aus- eiuaudersetzuugen mit dem Redakteur, dem eine solche Art von Industrie mit der Würde seiner Zeitung unvereinbar erschien, und zu der gelassenen Erklärung Schmanchs, er sei ohnehin gesonnen gewesen, der Journalistik Balet zu sagen, da ihm seine „ärztliche Praxis" viel mehr einbringe.
Damit schied er — ohne Groll. Das letztere ging schon daraus hervor, daß er nach kurzer Zeit allen ehemaligen Kollegen, auch dem ihm feindlich gesinnten, seine Verheiratung mit einer Witwe anzeigte, die daS von ihrem Manne ererbte Drvguengeschäft fortführte. Und abermals über ein kleines überraschte er uns durch eine geharnischte Erklärung gegen gewissenlose Koukurreuteu, welche die berühmten „Schmauchscheu Universalpillen" nachznmachen sich erfrechten oder vielmehr