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Musikalische Sünden.
nicht, wenn dem „musikalischen" Pnblikum wieder einmal eingeschärft würde, was man von einem gebildeten Hörer der Musik erwartet nnd was Leutritz (Tonische Studien) so hübsch iu einem Verschen zusammenfaßt:
Wer ciu Konzert besuchen will,
Sei pünktlich da und sitze still,
Tret' auch den Takt uicht voll Gefühl
Und lass' unnützes Fncherspiel,
Und steh' nicht auf und lauf' nicht fort,
Bevor verklang der Schlußakkord.
Wer dazu sich nicht kann verstehn,
Der mag zur Wachparade gehn.
(Schade, daß nicht auch ein Wörtchen vom Schwatzen in Konzerten und vom unzeitigen Programmumwenden mit darin steht!) Gegenüber dem hohlen Gerede von unsrer hochmusikalischen Zeit müßte endlich auf die Massenfabrikation der Marterwerkzeuge Orchestrion, Melvdion, Aceordivn, Ariston und wie diese veredelten (?) Leierkasten alle heißen, aufmerksam gemacht werden. Kurz, alles das nnd noch viel mehr müßte den Inhalt eines Buches über die musikalischen Sünden unsrer Zeit bilden. Ich will mich jedoch für heute auf einige Bemerknngen über Liederkomposition nnd Liedervortrag beschränken.
Sowie die deutsche Metrik uicht bestehen kann, ohne fortwährend Fühlung mit der Musik zu behalten, so darf umgekehrt auch die musikalische Gestaltung eines Liedes von seiner Wortform — von seiner Sprechmelodic, will ich einmal sagen — sich nicht zu weit entfernen, will sie nicht gewaltsam und unschön erscheinen. Der Komponist oder Tondichter, wie man heute nach Campes Vorschlag gern sagt, soll durch den größern Reichtum au Ausdrucksmittcln, der ihm zu Gebote sieht, das Tvnbild eines Gedichtes saftiger, farbenreicher gestalten, dann fördert er in der rechten Weise das Verständnis der Dichtung. Wenn die gewichtigen Silben durch die Zeitdauer, Stärke oder Höhe des Tones hervorgehoben werde», der gesamte Stimmungsgehalt eines Liedes in mehr oder minder selbständigen Jnstrumeutalmotiven weitergeführt wird — man denke an den Schluß der Begleitung vou Schumanns „Frauenliebe und -Leben" —, so dringen wir oft zu einem viel tiefern Verstehen vor, zu jenem vollen Nachempfinden oder sogar Nachdichten, welches die letzte Höhe des Verständnisses bezeichnet.
Hierzu ist aber vor allen Dingen erforderlich, daß der Komponist mit der nötigen Hochachtung an das Dichterwort herantritt, und daran fehlt es leider recht oft. Wer ein Lied komponirt, tritt in den Dienst des Dichterwortes, nnd ich bcstrcite dem Komponisten unbedingt das Recht, cin Gedicht zum Zwecke der Komposition umzugestalten. Ein Gedicht ist ein fertiges, unantastbares Kunstwerk, und mir der Dichter selbst ist befugt, irgendwelche Änderungen daran vorzunehmen. Zu welchen Zugeständnissen an die Musiker sich übrigens manchmal die Dichter selbst herbeilassen, dafür erlebte ich letzten Winter ein