Musikalische Bünden.
er die musikalische;? Sünden, die in unsrer Zeit begangen werden, erschöpfend behandeln wollte, der dürfte sich nicht auf den Raum eines Aufsatzes beschränken: er hätte Stvff zu einem ganzen Buche. Da müßte zuerst von dem in vielen sogenannten musikalischen Großstädten geradezu kläglichen Znstande der musikalischen Kritik gesprochen werden, die nachgerade eine Anstalt sür gegenseitige Beweihräucherung zu werden droht, von dem erschreckenden Cliquenunwcseu, das iu diesen Kreisen herrscht, von dem traurigen Klatsch, mit dem die Musikblcittcr ihre Spalten füllen. Weiter müßte die Rede sein von den Übelstäudcn des heutigen Vir- tuvscntums, von seinen widerlichen Sclbstanprcisuugen, von dem geringen Kunst- werte halsbrecherischer Technik einerseits und roher Kraft der Fäuste anderseits, von der Allmacht der jüdischen Agenten, von dem Überwuchern der faden Operette mit ihren seichten oder frechen Tiugcltangclmelodien. Sodann kämen etwa die entsetzlichen Früchte der Arrangirwnt an die Reihe, die sich bereits zu unglaublichen Leistungen versteigt; Kinderlieder von Karl Reinccke, arrangirt für vierstimmigen Männerchor von Pfeiffer, oder ein Kavalleriemarsch für sechzehn Schlagzithern — das ist doch, um an den Wänden hinaufzulaufen! Iu dasselbe Kapitel gehörte» die wahnsinnigen Potpourris, Quodlibets, Schlachten- gemälde und was derlei Kram mehr ist, nieist Fabrikate von ruhmsüchtigen Militärmusikmeistern, die allesamt (ich meine die Fabrikate) nicht mehr wert sind als eingestampft zn werden, Strafantrag gegen die Urheber auf Gründ eines Gesetzes gegen Verfälschung geistiger Nahrung vorbehalten. Ferner könnte nicht übergangen werden die sträfliche Vergötterung Wagners, die übrigens seit seinem Tode doch merklich nachgelassen hat, und vor allem Liszts, dieses unglückseligen Komponisten, auf den sich nach dem Tode von Berlioz, Cornelius und Wagner die Verehrung der ganzen musikalischen Fortschrittspartei — sie selber uennen sich Neurvmantiker — zusammengehäuft hat uud dessen Schöpfungen doch zum größten Teile den nüchternen Hörer, der seiucin gefunden Trommelfelle mehr vertraut als der Lärmtrvmpete des Lisztvereins, mit aufrichtigem Mitleid erfüllen müssen. Es müßte auf das furchtbare Umsichgreifen der Klavierseuche uud das ungesunde Anwachsen der Znchtanstalten für Pianisten und Pianistinnen von neuem hingewiesen, es müßte das zahllose Mustklehrcr- Proletariat ordentlich ins Licht gerückt, der grüßliche Schund der alljährlich erscheinenden Salonmusik gehörig gebrandmarkt werden. Die beklagenswerte Vernachlässigung des gemischten Gescmges gegenüber dem Mcinncrgesang, der sich über Gebühr breit macht, müßte Erwähnung siuden. Schaden könnte es auch