In elfter, vielleicht zwölfter stunde.
assandra-Rufe sind sehr i» Mißkredit gekommen. Die Zeit ist spöttisch und skeptisch angelegt, und mit pathetischen Warnungen und weitauSsehendeu Betrachtungen ist dem heutigen Publikum schwer beizukommen. Aber man muß doch sagen: Kassaudra hatte nicht nur Recht, sondern sie konnte sich zur Begründung ihrer Warnungen ans Dinge stützen, angesichts deren sie eigentlich garnicht der Prophetcngabe, sondern nur des „gesunden Menschenverstandes" bedürfte, um über die Bliudheit der Troer zu jammern; und wen» ein künftiger Dichter für unsre gegenwärtige soziale Lage eine Kassandra-Figur schaffen will, so wird es derselben an innerer Wahrscheinlichkeit durchaus nicht fehlen. Werden wir die soziale Revolution haben? werden wir ihr widerstehen können? Das sind die großen Fragen des Tages. Die erstere muß, darüber sind wohl alle Urteilsfähigen einig, ohne weiteres bejaht werden. Die zweite — vor dem, der sie mit voller Kenntnis der obwaltenden Verhältnisse cutschieden zu bejahen wagt, will ich Respekt haben, muß mir aber dennoch mein Urteil vorbehalten. Meine eigne Antwort würde lauten: Ich weiß es nicht! Auf pathetische Fragen mit dieser trivialen Antwort zn kommen, mag recht komisch sein, aber ich kann versichern, daß mir bei der Sache durchaus nicht komisch zu Mute ist.
So gottverlassen, das Militär und dessen „unerschütterliche Disziplin" sttr eine unter allen Umständen ausreichende Schutzwehr zu halten, wird wohl unter den Lesern der Greuzboteu nicht ein einziger sein. So oft auch das Wort Talleyrands schon zitirt (nnd ohne Zweifel auch manchmal mißbraucht) worden ist, so anwendbar bleibt es: Bajounette sind eine treffliche Sache, nur setzen kann mau sich nicht ans sie. Die nämlichen epidemischen Gifte, welche der Volksmasse das langegehegte Respektsgefühl vor der Obrigkeit und die Furcht Grenzbvtm ir. 1S8L. -31