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Herr Windthorst und seine Gefolgschaft im Reichstage.
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Teopold von Ranke.

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in vielen Fällen den Ausschlag giebt, indem es sich je nach Gefallen bald mit den Freisinnigen, bald mit den Konservativen zu unnatürlichem Bunde eint. Die letzte Wahlbewegung in Preußen hat gezeigt, daß die extremen Elemente immer mehr Boden im Volke verlieren, und daß die Mittelparteien, wenn sie sich auf die sozialpolitische Seite der Regierung schlagen und die frühern Fehler vermeiden, erheblich erstarken uud es zu einer regierungsfähigen Stellung bringen können. Die Zeit liegt also nicht fern, daß das Zentrum wieder wie früher ganz auf sich selbst angewiesen sein und keinen Einfluß auf die parlamentarische Abstimmung haben wird. Es wird dann vielleicht noch in der ersten Periode mit seinen soge­nannten angestammten Sitzen zurückkommen, aber, wenn es sich zur Nnfrncht- barkeit verurteilt sieht, auch seinen Anhang schwinden sehen. Vom nationalen Standpunkte kann man aber nicht unzufrieden sein, daß Herr Windthorst in seiner Partei diejenige Rolle übernimmt, durch welche Herr Richter den Freisinn bereits dem Ruin so nahe gebracht hat, daß der völlige Znsammenbrnch nur noch eine Frage der Zeit ist.

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Leopold von Ranke.

Zum 2^. Dezember 1^835. .

s war im Jahre 1795, als Herder die Frage aufwarf, warum wir noch keine Geschichte der Deutschen hätten. Was ihm vorlag, war nicht das, was er unter einer solchen verstand; er tröstete sich jedoch mit der Erwägung:Was noch nicht geschrieben ist, zeigt durch sich genügsam, daß es bis dahin noch nicht geschrieben werden konnte. Wie dies geschehen kann, wird's werden." Gerade in dem Jahre, wo Herder sich so ausdrückte, wurde der geboren, dem wir Deutsche es verdanken sollten, daß unser Name in der Historiographie einen so geachteten Klang erhalten hat, und daß alles, was im Auslande sonst den Griffel Klios geführt hatte, hinter diesem einen verschwand. Denn wenn auch England in Maeaulay, Frankreich in Guizot und Thiers diejenigen verehrt, welche die Ge­schichte des Vaterlandes in kunstvoller Form zur Darstellung brachten, Leopold von Rauke überragt sie doch alle, schon um seiner universellen Auffassung willen. Er hat sich nicht damit begnügt, Deutschen die Geschichte der deutschen Heimat in ihrem Gesamtverlauf oder iu einzelnen epochemachenden Katastrophen vor die Augen zu führen, sondern nach dem Geständnis des Aus­landes war es seine englische, seine französische Geschichte, welche dort erst die Forschung in die richtigen Bahnen wies. Wenn nun schon bei dieser Vielseitig-