556
cms der Entfcrnnng mit ansieht, hat keine Ahnung davon, welche zahllosen Schwierigkeiten, schweren Unannehmlichkeiten, ja selbst Gefahren für Leib nnd Leben für die Polizeibenmten damit verbunden sind. Sollen sie diesen Kampf für die Gesellschaft ferner durchführen, so müssen sie auch die Mittel dazu haben; auch mit Rücksicht für diese Beamten also ist die Erneuerung des Svzialistengesetzes erforderlich. Es ist nicht richtig, wenn über eine tendenziöse Handhabung des Gesetzes geklagt wird; es wird, soweit man dies überhaupt von der Anwendung eines Gesetzes sagen kann, vorsichtig nnd korrekt gehandhabt; Mißgriffe kommen bei der Anwendung eines jeden Gesetzes vor und werden deshalb auch bei der Anwendung des Sozinlisten- gesetzes vorkommen. Daß die vorgesetzten Behörden aber gegenüber wirklich, wenn auch in verschwindendem Maße vorgekommenen Mißgriffen stets bereitwilligst Abhilfe geschafft haben, braucht nicht hervorgehoben zu werden.
Die Verlängerung des Svzialistengesetzes ist dringend notwendig; daß es möglichst schonend angewandt werden könne, haben die Sozialdemvkraten selbst in der Hand.
Literatur.
Die V ollendung des Sokratcs. Jmmcmuel Kants Grundlegung zur Reform der Sitten- lehre. Dargestellt von vr. Heinrich Rvmundt. Berlin, Nicolai, 138S.
Gerne begrüßen wir wieder den bewährten tapfern Kämpfer für die Anerkennung der wahren Bedeutung Kants, die in unserm Jahrhundert durch die ärgsten Vorurteile und Entstellungen zurückgehalten worden ist. Die kräftige polemische Durchführung des Beweises, mit welchem Rechte Kant die höchsten Ideale der Freiheit des sittlichen Willens gesichert hat gegen alle möglichen Angriffe des Skeptizismus uud Materialismus, ist mustergiltig zu nennen. Daß aber nun in der Form des vollendeten Sokrates, d. h. in dem Sittcngesetze aus deu Prinzipien der Vernunft allein, für die Zukunft alle Religion nnd Sittenlehrc vollständig befestigt und vollendet sei, können wir nicht zugeben. Die Sittenlchre Kants ist hochachtungswert und vielleicht für manche trocken oder einseitig gebildete Gemüter und hochgelehrte Männer zureichend uud vollständig befriedigend, aber für das ganze Volk niemals. So sehr wir damit einverstanden sind, daß immer von neuem in der eindringlichsten Weise nachgewiesen wird, wie Kants Analyse unsers Erkenntnisvermögens einen freien Raum für Glauben und Sittengesetz gewonnen hat, so wenig können wir Vertrauen fassen zu einem Versuche, Theologie und Moral auf der Kantischen Grundlage zu erneuern. Der Verfasser hat, wie es scheint, die theologische Richtung, die schon seit dem Anfang unsers Jahrhunderts diesen Weg betreten hat, zu wenig beachtet. Er würde sonst wahrscheinlich die Trockenheit nnd Dürftigkeit ihrer Resultate sich mehr zu Herzeu genommen haben.
Der Stoiker Epiktet und seine Philosophie. Von dem Philosophischen Dvktoren- kollegium der Universität Prag mit dem ersten Preise gekrönte philosophische Monographie von Dr. Eduard Maria Schrankn. Frankfurt n. O., B. Waldmcmu, 188S.
Die Vorzüge dieser interessanten Schrift sind: eine klare, übersichtliche Behandlung des aus sehr vicleu zerstreuten Quellen gesammelten Materials, und eine anschauliche Charakteristik des berühmten Stoikers. Wir stimmen gern den Schlußsätzen des Verfassers zu: „Dieser größte Philosoph der spätern Ston verdiente es wohl, wieder einmal herausgehoben zu werden aus der Galerie stoischer Denker, und ist einer eingehenderen Studie würdig gewesen. Er, der in solcher Bescheidenheit und Zurückgczogenheit lebte, verdient es, daß wir mit gerechtem Stolze seinen Namen nennen, den Namen »Epiktet«."