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An der Heilquelle.
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An der Heilquelle. 375

schaffen, das nun dnrch Stellung in den Kreuzungspunkt äußerer Beziehungen und durch Einwirkungen auf die Handlungen peripherer Grnppen nach Gut­dünken und Erfordernis gestärkt und verdentlicht werden kann.

Eine Schwierigkeit freilich ist dabei nicht zu verkennen. Der Dichter er­findet nicht auf Bestellung und uach Maß, Ihm tauche» ans der geheimen Werkstatt der schaffenden Phantasie Figuren auf, nvch unbestimmt in den Einzel­heiten ihrer äußern Erscheinung, aber festgefügt in deu bestimmeuden Punkten ihrer individuellen seelischen Existenz. Sie tanchen ihm auf, nicht vage nnd isvlirt, svudern iu einer bestimmten Beziehung zum Hanptmvtiv oder zn andern, bereits feststehenden Figuren. Ja an ihnen selbst bilden sie sich, teils als Er­gänzung, teils als Gegensatz. Und ähnlich verhält es sich niit der Erfindnng der Handlung. Vielfach sind es vereinzelte hübsche vder interessante Bilder, originelle Charakterzüge, frappante Szenen, die, wie sie in der Phantasie auf­tauchen, meist auch gleich in einer bestimmten Stellung zur Haupthandlnng auftauchen, die der Dichter bereits fest in der Seele trägt. Nnn soll er dies alles so ordnen, korrigiren, verbinden, trennen, daß jede Nebenhandlung in ihrem Ablauf einen Teil der Haupthandlnng, nnr unter andern Bedingungen, >"it andern Charakteren nnd demnach mit andern Ergebnissen wiederhvlt. Wie leicht, daß das Ende vom Liede dann ein recht verständig ineinander gefügtes, i" sich gnt zusammenpassendes, korrekt gegliedertes Gerüst ist, das aber in seiner Umkleidnng und Ausfüllung nimmermehr znm frisch erfundenen, lebendigen Kunst­werke mit kraftvoll pulsirender Handlung wird. Der wirkliche Dichter freilich wird sich auch dieser Gefahr überlegen wissen; gewohnt, ohnehin nicht regellos ?w schaffen, wird sich ihm eine reiche nnd lebhafte Phantasie bald mit dem antizipirten Gesamtbilde des Kunstwerkes sättigen und so wieder nnbefangen und doch passend erfinden.

Eine reiche und kraftvolle Phantasie wird freilich auch ohuehin nicht um Mittel verlegen sein, ihr geschaffenes Weltbild korrekt perspektivisch abzntönen. Ein altes, von erfindungsreichen Poeten mit Vorliebe gepflogenes Mittel giebt dem schwachen, die Last der ganzen Handlung nicht mit Leichtigkeit tragenden Grundniotiv eine wirknngsvollc nnd besonders dem Zwecke kräftiger Hervor­hebung dienende Stütze iu der Verbindung der sich natürlich entwickelnden Handlung mit ausfallenden, stark spannenden Ereignissen außerhalb des engern Kreises der sich notwendig aus der Fabel entwickelnden Begebenheiten. Es treten an die hervorzuhebenden Hauptpersonen Schicksale, Ereignisse heran, deren Originalität oder Bedentscunkeit den Betreffenden mit leichter Mühe den Löwen­anteil vom Interesse und der Aufmerksamkeit des Lesers sichert, ohne geradezu fremdartig und störend die eigne Atmosphäre des Kunstwerkes zu trüben. Es gehört Geschmack und Geschick dazu, dergleichen gänzlich von außen herein­dringende Begebenheiten gut zu erfinden, d. h. so, daß sie wahrscheinlich bleiben und die Charaktere nicht folgerichtig eigentlich aus der Richtung hinausreißeu,