Beitrag 
Notiz.
Seite
430
Einzelbild herunterladen
 

480

Literatur.

aufhören, sich darüber zu wundern, daß der geistreiche Phantast von 1830, so wie er sich in den Homo I^ottois enthüllt, zweimal Premierminister von England war, daß er seine Königin mit dem kaiserliche» Diadem des indischen Wnnderreiches schmückte und für sich selbst die Grafenkrone errang. London, Juli H.335.

Literatur»

Einhard und Jnnna. Eine rheinische Sage aus der Zeit Karls des Großen, Von I. Thikötter. Heidelberg, C. Winters UniversitätSl'nchhandlnng, 1885.

In den letzten beiden Jahrzehnten hat der kulturgeschichtliche, überhaupt der historische Roman eine znvor kaum dagewesene Ausdehnung gewonnen. Dadurch ist unzweifelhaft unserm Volke manche Gabe von bleibendem Werte zuteil ge­worden, und weil die bevorzugte Gattung des Nvmaus der realistischem Nichtuug der Zeit entsprach, fand sie anch in weiten Kreisen begeisterte Aufnahme. Aber irren wir nicht, so hat die auch auf diesem Gebiete eingetretene Überproduktion auch bereits zu ciuem Rückschläge geführt. Man will endlich einmal wieder etwas andres auf dem Büchertische sehen, als eiue endlose Reihe historischer Romane.

Thikötter bringt iu der That eiue ucue Art von Früchten ans den Markt. Sein kleines Buch berührt sich freilich seinein Stoffe und seinem allgemeinen Cha­rakter nach mit unsern historischen Romanen. Denn es verknüpft auf dem Gruudc wirklicher archäologischen Studien frei Erfundenes mit solchem, was die Geschichte oder die Sage an die Hand gab. Es ist aber kein Roman, sondern ein episches Gedicht, eine Erzählung iu Verseu. Ob der Verfasser, der also von dem zuletzt, wie wir annehmen, znr lästigen Gewohnheit gewordnen abweicht, gerade durch diese Form viele Leser heranlocke» wird, ist freilich zweifelhaft. Denn das große Pnbliknm liest Verse überhanpt nicht. Wenn man die Kataloge der Bibliotheken unsrer mittelstädtischen Lesegesellschaftcn, Harmvnieen, Bürgcrvereinc und andrer derartiger Zirkel durchgeht, stößt man sehr selten auf Poetische Werke axp^rout r-u'i ua>nto8 iu Aurg-irs va,sw; «icht nur schlechte, sondern anch gute Verse sind für den deutscheu Philister, selbst weuu er im übrigen nicht ohne Geschmack ist, eigent­lich garnicht mehr vorhanden. Der Kothurn, ja selbst der soeeus, ist ihm ein Gräuel. Wer Erzählungen in metrischer Form fchreibt, findet hente sein Publikum fast nur «och in den Reihe» eines Teiles der (reifern) Jugend und unter den eigentlich Gebildeten. Wer die letzter» auf seiner Seite hätte, dem wäre freilich geholfen. Dazu gehört aber eine sozusagen geistig aristokratische Gaugart, und man darf nicht vergessen, daß klassisch gebildete Leute, je bereitwilliger sie auch Poetisches zulassen, desto größere Anforderungen hinsichtlich der Vollendung der Form au den Dichter stellen.

Unser Dichter, dessen anderweitige Gedichte, wie wir beiläufig bemerken, bereits in zweiter Auflage vorliegen, sagt selbst (in den Noten S. 281), nichts bedanre er so sehr, als daß er seinen Trochäen nicht etwas von der Formenschönheit habe verleihen können, mit der Dante in seinen Terzinen den Thomismus wiedergegeben habe; und in der That ist im ganzen seine Verskunst und seine dichterische Sprache, wenn auch recht wohl genießbar, so doch ansprnchslos. Besondre Reizmittel hat er nicht anwenden wollen. Altertümliche, d. h, hier mittelalterliche Formen, etwa Anklänge an die Nibcluugeustrophe oder au die Lyrik Walthers von der Vogelwcide oder an noch ältere Dichter des Mittelalters, hat er garnicht gesucht. Seine Sprache ist modern (steht übrigens gewissermaßen in der Mitte zwischen Herders Cid und