Beitrag 
Hartmanns Armer Heinrich.
Seite
404
Einzelbild herunterladen
 

Hartmanns Armer Heinrich.

eit dem Erwachen der germanistische» Studien in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ist demArmen Heinrich" des hö­fischen Dichters Hartmann, eines ritterlichen Dienstmannes der Herren von Aue, besondre Teilnahme zugewendet worden. Zwar fühlte sich Goethe, der den Nibelungen, König Rother und andern mittelhochdeutschen Dichtungen liebevolles Studium widmete und ihre Gestalten 1810 in dem MaskenzugeDie romantische Poesie" verherrlichte, gerade von diesem Werke unangenehm abgestoßen. Dasan und für sich betrachtet höchst schätzenswerte Gedicht," äußerte er in den Tages- und Jahreshefteu von 1811, habe ihmphysisch-ästhetischen Schmerz" gebracht.Den Ekel gegen einen aus­sätzige«? Herru, für den sich das wackerste Mädchen opfert, wird man schwerlich los; wie denn durchaus eiu Jahrhundert, wo die widerwärtigste Krankheit in einem fort Motive zu leidenschaftlichen Liebes- und Ritterthaten reichen muß, uns mit Abscheu erfüllt. Die dort einem Heroismus zu gruude licgeude schreck­liche Krankheit wirkt wenigstens auf mich so gewaltsam, daß ich mich vom bloßen Berühren eines solchen Buches schon angesteckt glaube." Allein trotz Goethes Urteil wnrdc gerade dieses Gedicht in der Folge das am meisten gelesene der ganzen deutschen Literatur des Mittclalters, da Adalbert von Chamisso 1839 eine den Brüdern Grimm gewidmete Bearbeitung im Musenalmanch veröffent­lichte, welche dann, in Chamissos Werke aufgenommen, mit ihnen allgemeine Verbreitung fand. Ja das Werk, welches schon als Dichtung ans Goethes Phantasie einen so widrigen Eindruck machte, wnrde vor einigen Jahren (1877) sogar mit Illustrationen herausgegeben. Welchen unmutsvollen Tadel würde Goethe, der lebenslang an den Kunstlehren des Lessingschen Lavkoou fest­hielt, vollends gegen eine bildliche Darstellung dieses Gedichtes ausgesprochen haben!

Indes, an und für sich betrachtet, erklärte Goethe das Gedicht für schätzens­wert. Und unsre Anerkennung muß sich noch steigern, wenn wir es mit Hartmanns übrigen Werken vergleichen. Hartmann hat von jeher enthusiastische Bewnn- derer gefunden. Kein geringerer als Gottfried von Straßburg hat die reine, lautere Rede, die krystallne Sprache des von Aue gepriesen und ihm als dem Meister der deutschen Epik Kranz und Lorber zugewiesen. Nach der Wieder­erweckung der mittelalterlichen Literatur ist Hartmann als Sprachmuster von der einen Partei unsrer Germanisten geradezu kanonisirt worden; und die Kor­rektheit seiner Sprache und Metrik mag wirklich eine tadellose sein. Nur hätte