Wahlen und Parteien in Frankreich.
eraume Zeit haben wir nichts wesentliches über Frankreich zu sagen gehabt und deshalb wohlzuthun geglaubt, ganz darüber zu schweigen. Jetzt aber scheint es an der Zeit zu sein, des Nachbarlandes, das uns als solches im allgemeinen besondres Interesse einflößen muß, wieder einmal zu gedenken. Vor kurzem hat das französische Unterhaus, die Kammer der Deputaten, das Leben, welches ihr die Mandate der Wähler gaben, beendet, und in der ersten Woche des Oktober wird das Volk oder werden, wie man sich sachgemäßer ausdrückt, die Parteien neue Vertreter nach Paris zu senden haben. Von selbst ergiebt sich für den Beobachter in der Zwischenzeit ein Rückblick auf die Thätigkeit der bisherigen Kammer, ein Hinblick auf den Charakter der Parteien, die in und außer ihr Politik machen oder in Politik machen, und eiu Ausblick auf die Zukunft der gesetzgebenden Gewalt, zunächst auf die Wahrscheinlichkeiten, die in betreff der neuen Wahlen vbwalten, und auf die Gestaltungen, welche neben diesen Wahrscheinlichkeiten möglich sind.
Hinsichtlich unsrer ersten Aufgabe, des Nekrologes auf das heimgegauguc Abgeordnetenhaus, dürfen wir uns kurz fassen; denn es läßt sich ihm eben nicht viel nachrühmen. Es versprach oder manche Leute versprachen sich von ihn: große Dinge, und es hat davon wenig gehalten oder erfüllt. Gambetta und seine Partei sahen in der Wahl dieser Kammer einen Sieg und hofften von ihr eine gründliche Umbildung der politischen Einrichtungen und Zustände Frankreichs, Verwirklichung des Parteiideals nach den verschiedensten Richtungen hin und Befestigung der Republik, wie sie dieselbe haben wollte:?, über alle Zweifel und Anfechtungen hinaus, Befestigung der Republik strebsamer Advvkatcn, Zeitungsschreiber und Geldleute. Das letzte ist bis zu einem gewissen Maße — nicht
Grenzboten III. 1885. 49