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Ein Grundproblem des Kunstgewerbes.
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gewählt, wenn es nicht dem eigentlichen Charakter unsrer Zeit entspränge, in welcher an die Stelle des unmittelbaren, ans dem Gefühle quellenden Schaffens das aus der Erkenntnis seiner Gründe wirkende Schaffen getreten ist. Wir brauchen aber auch nicht zu fürchten, daß das Mittel ein falsch gewähltes sei: die von den gelehrten Kreisen ausgehende literarische Bewegung des vorigen Jahr­hunderts mit dem sich daran schließenden großartigen Aufschwünge unsrer Dich­tung hat bewiesen, daß es sehr gnt möglich ist, erst durch die Leuchte der Wissenschaft der Kunst den richtigen Weg zu zeigen nnd, falls die Talente nicht fehlen, dann auf diesem das Große zu gestalten. Nur muß eben dieser richtige Weg gefunden werden, nur müssen die Gründe richtig erkannt werden, auf welchen die künstlerische Gestaltung des Handwerks beruht, nur muß nachgewiesen werden, wie eine solche sich zu den eigensten Anforderuugen unsrer Zeit an die Leistungen des Handwerks stellt.

Nennen wir Handwerksthätigkeit diejenige Thätigkeit, welche einen Stoff so umgestaltet, daß er für den erstrebten Gebranch möglichst geeignet wird, so kommt das künstlerische Element dann hinzu, wenn er in seiner Gestal­tung ein Mehr enthält, welches über das ihn zum bestmöglichen Gebrauche befähigende noch hinausgeht und für diesen Gebranch nicht unbedingt notwendig ist. Wird ein Baumstamm als Träger benutzt und zu diesem Zwecke als Balken be­arbeitet, so ist dies Sache des Handwerks; wird die zur Aufnahme der Last notwendige Erweiterung an der Auflagerungsftelle statt durch schräge Stützen vielmehr durch Umgestaltung des erweiterten obern Teils zu einem Blattkranz erreicht, so ist ein künstlerisches Element hinzugetreten. Dies aber darf, wenn es wirklich künstlerisch wirken soll, zweier Eigenschaften nicht entbehren, die, wie es scheint, in unsrer Zeit nicht immer scharf genug erkannt und daher auch nicht immer richtig angewendet werden.

Die erste und Nächstliegende ist die des bildlichen Charakters. An einer Stelle, wo ein wirkliches Blatt weder vorhanden ist noch vorhanden sein kann, wird durch Nachbildung die Vorstellung eines Blattes hervorgerufen, und zwar dadurch, daß ein Stoff, der selbst nie zur Gestaltung einer Blattform gekommen wäre, sich der einem fremden Stoffe entlehnten Form unterworfen und ange­paßt hat. Während also die Form geblieben ist, hat ein Stoffwechsel stattge­funden. Dieser Stoffwechsel ist nicht nur für alle bildlichen Formen das Cha­rakteristische, er ist sogar das eigentlich Schöpferische, ohne welches eine bildliche Form überhaupt nie entstanden wäre. Und zwar ist dies so zu verstehen, daß der Urquell der künstlerischen Form in dem thatsächlich erfolgten Wechsel, in der Bertcmschung des einen Stoffes mit dem andern zu suchen ist. Wollte man uun hieraus schließen, daß es zur Herstellung einer künstlerischen Schöpfung genüge, unter Anwendung dieses Grundsatzes des Stoffwechsels ein bildliches Element anzubringen, so wäre damit allerdings die sachliche Grundlage für die Kunstschöpfuug gegeben; ob sie felbst aber erreicht wäre, hinge noch von einem Grenzboten III.'183S. 9