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Literatur.
Das Herzblut den Menschen, die Galle den Spitzbuben nnd Thoren. Es liegt Absicht in den Sachen, ich gestehe es." Darin liegt es eben: in der Absicht! Als ein abgeklärter, harmonischer Künstler, voll tiefen, hinreißenden Mitgefühls mit seinen Gestalten nud ihrem schlichten Leben erscheint Rosegger im ersten Bande, den „Geschichten und Bildern aus Alpeu, Wald uud Dorf." Dieser euthält Stücke, welche zu den allerbeste» Leistungen gehören, die der Dichter aufzuweisen hat: die „Zwiugmesse," die „Sieben Todsünden," das „Wunderbild," die „Sennerin und ihre Freunde," „Empor zu Gott," der „Staudenhiesl," der „Amcisler." Hier ergötzt uns der tiefe Kenner stcirischen Volkslebens durch duftige Naturschildernngen, durch meisterhafte Charakteristik, durch unerschöpfliche Erfindung, und vor allem durch einen köstlichen Humor, der darum so entzückend ist, weil er der Liebe entspringt. Die Bildung, welche sich der Dichter angeeignet, diente ihm eben dazu, den feinen, fkeptisch-ironischen Ton gegenüber dem armen, im Aberglauben und in treuherziger Anhänglichkeit au die Kirche dahinlebcndeu Volke zu finden. Es fällt ihm nicht ein, reformirend oder strafend sich diesem entgegenzustellen, und dadurch erreicht er die wohlthuenden künstlerischen Wirkungen, die einzelnen seiner Stücke den Stempel voller Schönheit aufdrücken. Ein ganz andres Gesicht zeigt uns der Dichter im zweiten Bande, den „Novellen und Skizzen aus dem Weltleben," zumal iu den ersten Stücken. Da entpuppt sich der heitere Natur- schwärmer, der sympathiereiche Beobachter als ein arger Pessimist, der die Bestie im Menschen garnicht so gering schätzt, da sind es Ehebruchgeschichten in sarkastischem Tone vorgetragen, welche mit düsterer, unheimlicher Romantik abwechseln: „Meister Hermann," „Der Kammerdiener," „Das Bekenntnis eines Verurteilten" gehören in die Kategorie der Kriminalnovellen; „Eiu moderner Hellespout," „Aus dem Tagebuchc einer Ehefrau" würden jeden: französischen Ehebruchsdichter Ehre macheu. Bei allen diesen Dingen hat man immer das Gefühl, daß Rosegger von seiner Lektüre, und eben nicht der besten, sich anregen ließ, auch einmal derlei zu versuchen. Wert haben sie nicht. Liebenswürdiger wird er erst dann, wen» er'im Gebiete der eigueu Erfahrung bleibt und aus der eignen Anschauung fa- bulirt, so in den Sonderlingen „Herr Florian," „Ein Naturfreund." Daß dieser Stndtmensch, „in welchen sich auch einmal eine Kinderseele verirrt hat," schließlich doch nnr im Zwiespalt zwischen seinen Neigungen zur Stadt und zum Landleben stecken bleibt, ist für Rosegger höchst charakteristisch. Ebenso im „Jünger Darwius," Dieser hat durch die Lektüre der Schriften des großen englischen Naturforschers (den Rosegger konsequent als Katholiken bezeichnet, als gäbe es keine englische Hochkirche) den Glanben an Gott uud die Unsterblichkeit der Seele verloren, was ihn ganz unglücklich macht, Der realistische uud tief ethische Dichter läßt ihn in der aufopfernden Thätigkeit für Unglückliche seine iuuere Gemütsruhe wiederfinden, ähnlich wie der religiöse Hochmut des Pfarrers in „Empor zu Gott" die wahre Religiosität iu Praktischer Nächstenliebe erkennen muß. Aber allerdings hat jener „Jünger Darwins" damit noch nicht die Antwort ans die Fragen gefunden, die er gestellt hat, und so mag es auch mit dem Dichter selbst sein. Die übrigen Stücke des zweiten Bandes sind sehr muuter und unterhaltend; als besonders witzig sei hervorgehoben „Das Geheimnis von Defreggers Erfolgen," welches in höchst konkreter Art eigentlich das Wesen der Kunst erklärt.
Für die Redaktion verantwortlich: Johannes Grunow in Leipzig. Verlag von Fr. Wilh. Grunow iu Leipzig. — Druck von Enrl Mnrquart in Leipzig.