142
Das Publikum,
Heer vvn Sklaven um sich. Und ein Wagner-Opus soll man sich ganz allein schmecken lassen! In der Strafrechtspflege betrachtet man es als die härteste Strafe, einen Menschen vom Verkehr mit seinesgleichen auszuschließen. Sogar ihre Andacht müssen die Unglücklichen allein verrichten; sie werden in der Kirche so gesetzt, daß sie nur den Geistlichen sehen. Es soll furchtbar sein. Wagner hat die Zellengefänguistheorie auf die dramatische Kunst übertragen. Es fehlt nur noch die Gesichtsmaske, Ich kann mir nicht helfen, ich finde das barbarisch, ja ich finde es geschmacklos."
Das war allerdings ein subjektives Urteil, Aber in jedem auch noch so subjektiven Urteil steckt doch ein Körnchen allgemeine Wahrheit — und um dieses Körnchens willen und weil außerdem dieses subjektive Urteil mit dem meinigen so ziemlich übereinstimmt, will ich versuchen, dasselbe hier zu erklären und zn begründen.
Wir werden uns wohl am ehesten verständigen, wenn wir uns einmal darüber Rechenschaft zu geben suchen, was das eigentlich ist, was man Pn- blikum uennt.
„Die erste beste Mcnschenmasse," wird mir jemand zurufen. Gewiß; jedenfalls gehört eine Masse Menschen dazu, um ein Publikum zu bilden, vielleicht eine recht große Masse, die Meuschcn aller Zeiten und Länder, oder auch kleinere, gesonderte Massen, Es giebt ein Publikum der Gebildeten und ein Publikum der Ungebildeten, wie es ein deutsches und ein französisches Publikum giebt; ja mau kann noch weiter gehen und sagen, nicht nnr jedes Land und jede Zeit, jede Bildungsklasse und jede Gesellschaftsklasse bilden ein Publikum für sich, nein, das große allgemeine Publiknm zerteilt sich in noch viel kleinere Kreise, jede Kunst, jede Kunstrichtung, ja jeder bedeutende Künstler hat sein Publiknm für sich, und wie es ein musikalisches Publikum und ein Publikum sür italienische Musik giebt, so giebt es auch ein Schumann- und Brahms-Publikum, die sich von jedem andern Publikum scharf unterscheiden, jedes ein Publikum für sich bilden, manchmal ein recht sonderbares, wie das Publikum, von dem hier speziell die Rede ist: das Wagner-Publikum.
Aber obwohl zum Publikum immer eine größere oder kleinere Masse gehört, der Massenbegriff ist nicht das, was den Begriff „Publikum" allein bestimmt; es muß noch eine andre, entscheidendere Bestimmung dazu kommen, eine höhere Einheit, ein Ereignis, durch dessen Einfluß die Bestandteile der formlosen, breiigen Masse zu sesten, krystallinischen Gebilden zusammenschießen.
Die meisten Menschen, besonders Künstler uud Dichter, wenn sie vom Publikum sprechen, thun dies unter dem Einflüsse irgendeiner Stimmung, gewöhnlich Verstimmung. Sogar Goethe war von solchen Velleitäten nicht frei.
O sprich mir nicht vvn jener bunten Menge, Bei deren Anblick uns der Geist entflieht!