Der jüngste Tag.
Es war beinahe taghell geworden, als Andrew, August und Julia die Burg erreichten- Der Philosoph riet Julien, nach Hause zu gehen und die Heirat für jetzt als nicht vorhanden zu betrachte«. August fürchtete arges davon, daß sie unter die Tyrannei ihrer Mutter zurückkehren sollte, aber Andrew wiederholte seinen Rat in dringender Weise, und Julia sagte, sie dürfe ihre Mutter in ihrem Unglücke nicht verlassen. Julia erreichte ihr heimatliches Haus kurz nach Tagesanbruch und ein wenig eher, als Frau Anderson in einem Aufalle von Hysterie heimgebracht wurde.
Die arme Frau Abigciil hoffte noch immer, daß das Ende der Welt, auf das sie sich mit soviel Liebe vorbereitet hatte, kommen werde, aber als ein Tag nach dem andern verging nnd keiner der jüngste werden wollte, versank sie in dumpfe Verzweiflung. Wenn sie an den Verlust ihres Vermögens dachte, stöhnte sie und drehte das Gesicht der Wand zu. Und Samuel Andersou saß bald da bald dort im Hause herum mit jener stumpfen und nnbehilflichen Miene und Haltung, der man bei den meisten Menschen begegnet, welche in mittleren Jahren von finanziellem Rnin betroffen werden. Die Enttäuschung seines Glaubens und der Zusammenbruch seines Vermögens hatten ihn vollständig gelähmt. Er wartete auf etwas, er wußte kaum, auf was. Er hatte nicht einmal die antreibende Stimme seiner Frau, die ihn zur Anstrengung anstachelte.
Es war jetzt niemand als Julia da, der Sorge für Frau Anderson getragen hätte; denn Cynthy Ann hatte ihre Wohnung in der Blockhütte genommen, welche Jonas gekauft hatte, und uie lebte eine glücklichere Hausfrau als sie. Sie beobachtete Jonas, bis er verschwand, wenn er auf Arbeit giug, sie brachte ihm um zehn Uhr einen „Imbiß," und er sah sie immer „wie ein Bild" am Zaun- thvre stehen, wenn er zum Mittagsessen heimkam. Aber Cynthy Ann verbrachte ihre Nachmittage gemeiniglich bei Andersons, wo sie „dem jnngen Dinge da" ihre Verantwortlichkeiteil tragen half, obwohl Fran Anderson jetzt persönliche Aufmerksamkeiten nur noch von ihrer Tochter annehmen wollte. Sie zankte nicht, ihre nörgelnde Unruhe war nur ein Nachklang ihres Keifens. Sie lag entmutigt da, beobachtete Julieu und verlangte alles mögliche von ihr, und die müden Füße und das müde Herz des Mädchens sanken unter ihrer Last beinahe zusammen. Frau Audersou war plötzlich von der Stellung eines anspruchsvollen Tyrannen zu der eines anspruchsvollen uud hilflosen Kindes herabgekommen. Sie folgte Jnlien mit ihren Augen in der Weise jemandes, dem das Herz gebrochen ist, wie wenn sie fürchtete, sie werde sie verlassen. Julia konnte diese Furcht im Gesicht ihrer Mutter lesen, sie verstand, was sie meinte, als sie äußerte: Du wirst dich verheiraten und mich verlassen. Wenn Frau Anderson ihr altes hochfahrendes Wesen wieder angenommen hätte, so würde es für Julien leicht gewesen sein, ihr Geheimnis zu offenbarem Aber wie konnte sie es ihr jetzt sagen? Es würde ein Schlag gewesen sein, vielleicht ein verhängnisvoller Schlag. Und zu gleicher Zeit, wie konnte sie es August recht machen? Er dachte, sie habe sich der alten Tyrannei für unbegrenzte Zeit gebcngt. Aber sie konnte doch ihre Eltern in ihrer Armut und Bedrängnis nicht verlassen.
Der vierzehnte August, der Tag, an welchem die Übergabe des Gutes an Bob Walker stattfinden sollte, kam heran nnd verging, aber kein Bob Walker stellte sich ein. Eine weitere Woche verging, in welcher Samuel Andersou nicht genug Mut zu fassen imstande war, um hinzugehen uud Walker zu besuchen, iu welcher Samuel Andersou und seine Frau iu unbestimmter Hoffnung warteten, ob etwas geschehe« würde. Und jeden Tag dieser Woche bekam Julia einen