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hier unter prätentiöser Anrufung unsrer nationalen Interessen geschieht. Die bezeichnendsten Stellen werden nachstehend wörtlich herausgehoben:
„Die Unbill war um so größer, als man gar nicht genauen Bericht oder Rechtfertigung des Kapitäns abwartete, sondern ihn, während er noch im Amte war, auf Grund der ersten Depeschen und der Notizen aus fremden Zeitungen in solcher Weise mißhandelte.^) Leider war leicht zu erkennen, und es ist gar kein Geheimniß, daß die Federn, welche sich so heftig gegen Kapitän Werner sträubten, aus der Nähe des Fürsten Bismarck ihre Anweisungen erhielten. 2) Die deutsche Presse hat noch die letzten Auseinandersetzungen derselben officiösen Korrespondenten mit dem General Manteuffel in peinlicher Erinnerung und der Wunsch wird allgemein, daß solche Behandlung der Personen und ein verbissener Zeitungskampf höherer Staatsbeamten sich nicht bei uns einbürgern möge. 2) Wenn es der Reichskanzler war, welcher die sofortige Abberufung des Kapitän Werner bewirkt hat") — kein anderer Minister würde wagen, in den auswärtigen Dienst durch solche Verfügung einzugreifen (!) >— so bedauern wir zunächst, daß er zugleich unserer Marine wehe thun mußte. Zum erstenmal war sie in der Lage unter den Flottenabtheilungen anderer seefahrender Mächte, unter Amerikanern und Engländern, in gemeinsamem Interesse der Kulturstaaten und in gutem Einvernehmen mit den befreundeten Schiffen ^) die Führung zu übernehmen, man erkennt aus allen Nachrichten vom Mittelmeere deutlich, daß die Anderen sich unserer momentanen Ueberlegenheit und den Maßnahmen, welche Kapitän Werner traf, mit vollem EinVerständniß angeschlossen haben. War es nicht möglich, den Offizieren und Mannschaften von der Flotte das fröhliche Selbstgefühl zu gönnen, daß sie auf den Meeren Europas etwas bedeuten, und war es nöthig, sie gleich bei ihrer ersten größeren europäischen Leistung in Friedenszeiten in so rauher Weise zu demüthigen?") Der Fürst Reichskanzler könnte da, wo es sich um spanische Schlösser handelt, doch mit Andern eine gewisse Nachsicht üben, selbst wenn diese in dem guten Glauben, der deutschen Sache zu dienen, einen falschen Schritt gethan haben sollten. — Da das Verhalten des Kapitän Werner an sich so rauhes Eingreifen nicht nöthig machte, so wird man die Motive dazu in andern Erwägungen und Befürchtungen des Reichskanzlers suchen müssen. Zuverlässig ist es ihm jetzt von höchstem Werth, die Friedensliebe des
-) Das ist jetzt als unrichtig dargethan. Doch durste der Verfasser auch schon in der zweiten Augustwoche, und fern von den Centren des politischen Lebens, als ausgemacht betrachten, daß das Auswärtige Amt seine Jnstructionen nicht aus „fremden Zeitungen" entnimmt.
2) Sicher ist, daß die Admiralität, nicht Fürst Bismarck, Werner abrief.
Z) Das ist eine Verdächtigung des Kapitän Werner — als ob er den Zeitungskampf für die eigene Person führe —, die seinem Vertheidiger zu erheben vorbehalten blieb.
Es war aber lediglich die Admiralität, und dieser liegt in der Regel die Absicht „der Marine wehe zu thun" wo möglich noch ferner als dem Herrn Verfasser.
°) Die sich klugerweise ihre Jnstruction erst nach der Vigilantc-Asfaire einholten — aber immerhin einholten und ihnen gemäß handelten.
°) Niemand in Deutschland, niemand in unserem Landhcer und in der Marine, außer den unzufriedenen Journalisten, hat aus diesem Anlaß von einer „Demüthigung" der Mannschaften und Offiziere von der Flotte gesprochen.
Grenzboten III. 1873. 66