113
und es wird ein Anderer kommen, die armselige Intrigue aber wird von Neuem beginnen, wie sie gegen die Vorgänger Oberniz und den Freiherrn v. Rosenberg gespielt hat: die Geschicke aber werden sich so wie so erfüllen. Ja gerade diese fortdauernden persönlichen Nörgeleien, diese Eifersucht auf werthlose Kleinigkeiten, dient wider den Willen der leitenden Politiker dazu, die nationale Entwicklung in Würtemberg vorwärts zu treiben. Die materielle Jnteressenpolitik des Partieularismus wird von seinen berufenen Vertretern selbst preisgegeben nur um für den Augenblick persönliche Erfolg zu erzielen, die der Eigenliebe schmeicheln, und als Siege der Hofpolitik gegenüber dem Preußenthum vom Beobachter und Gen. verwerthet werden können. Von einem Widerspruch gegen das Reich in materiellen Fragen kann fernerhin keine Rede mehr sein. Herr von Mittnacht weiß sich denn auch sichtlich in diese immerhin drückende Situation zu finden. Seine Zurückhaltung auf dem letzten Reichstag konnte nicht unbemerkt bleiben: die herausfordernde Haltung, die Kritik und Kampfeslust früherer Jahre ist dahin, während der ganzen Session hat Herr v. Mittnacht mit keinem Wort um die Gunst der Volkspartei, der Ultramontanen oder der konservativen Particularisten geworben; seine Haltung ist eine äußerlich ganz eorrecte geworden: und wir sind überzeugt, daß er auch bei den noch schwebenden Fragen der Justizgesetzgebung und Organisation den Anforderungen der nationalen Partei entgegen kommen wird. Er scheint einerseits die Nothwendigkeit und Unvermeidlichkeit der nationalen Forderungen einzusehen, andererseits zu wissen, daß man in Stuttgart auf die Erhaltung des landesherrlichen Bildnisses auf den Markstücken, auf eine Abwechslung in der Person des Corpscommandanten ungleich größeres Gewicht legt, als auf die Hoheitsrechte in Justizsachen, mit welchen man ja schon bisher nicht viel anzufangen wußte. Immerhin mag auch, wie Böswillige behaupten, der Eintritt des Herrn von Varnbüler in den Reichstag für Herrn von Mittnacht ein gewisses Correctiv gebildet haben.
Letzterer hatte bekanntlich im Ministerrath jede ofsicielle Begünstigung der Kandidatur Barnbüler's aufs entschiedenste bekämpft: indem er, der bisher alle politischen Beziehungen zwischen Stuttgart und Berlin in letzter Hand vermittelt hatte, nicht ohne Grund die Concurrenz Barnbüler's, seines früheren großdeutschen Freunds und Beschützers, fürchtete. Die genaue, auf den einflußreichsten persönlichen Verbindungen in Berlin und Stuttgart beruhende Kenntniß der politischen Situation, der staatsmännische Scharfblick, verbunden mit seltenen sachwisfenschaftlichen Kenntnissen, mußten Varnbüler — ganz abgesehen von seinem in letzter Zeit durch körperliche Leiden beeinträchtigten rhetorischen Talent — in Berlin zu einem höchst gefährlichen Nebenbuhler machen, der seit 1870 allen Grund haben mochte, die ehemaligen persönlichen Bande mit Mittnacht als zerrissen zu betrachten. Dazu die Freiheit der