Die Mormonen am großen Sahsee.
2. Ihr Glaubensbekenntniß, ihr Priesterthum und ihre Ehegesetze.
Von den alten Secten hat Gott sich abgewandt, und so ist ihr Glaube steril geworden und seit Jahrhunderten schon derselbe geblieben. Wir dagegen, mit denen Gott täglich verkehrt, erfahren täglich mehr von den himmlischen Geheimnissen, und so ist unsre Lehre steter Veränderung und Erweiterung unterworfen. In dieser Weise erklären die Kirchenlichter der Mormonen die vielfachen Umgestaltungen, die das Glaubensbekenntniß der Secte im Laufe der Jahre erlitt.
Die Latterday-Saints waren Anfangs im Wesentlichen eine Abart der chiliastischen Campbelliten-Secte, die sich nur durch ihren Glauben an die Jndianerbibel vom Berge Cumarah und an die göttliche Sendung Joseph Smiths von den übrigen Gemeinden derselben unterschied. Allmählig erfand Smith verschiedene neue Dogmen dazu, und zwar nicht aus religiöser Grübelei, sondern zur Rechtfertigung und Empfehlung bestimmter weltlicher Absichten oder gar zur Heiligung unsauberer Gelüste. In der ersten Zeit verbrämte Rigdon diese Dogmen mit Blumen seiner Phantasie, später, unter Uoung, der jenes Geschäft der Dogmenverfertigung fortsetzte, versuchte Orson Pratt, der sich in der Geschichte der Philosophie und der Religionen umgesehen, die Erzeugnisse Smiths und Uoungs in ein organisches System zu bringen und mit allerlei Anklängen an die Gnostiker und Mystiker, an den Parsismus und das Brahmanenthum, an die Materialisten und dann wunderlicher Weise wieder an die Schellingsche Philosophie und gewisse Lehren der Spi- ritualisten zu verschönern, wovon aber Uoung als rein praktischer Mann nur das zu seinen Plänen Passende anerkannte, und wofür die Masse der Mormonen schwerlich ein Verständniß hatte. Der Glaube der Secte war in diesen Händen ein Flickwerk aus aller Welt Lappenschublade geworden, ein Mischmasch aus Heidenthum und Christenthum, in welchem ersteres stark überwog, voller Widersprüche und ohne andern Grund als jene weltlichen Zwecke, unter denen die Vielweiberei die erste Stelle einnahm und vorzüglich Grenzbotc» II. 1871. 111