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Die Mormonen am großen Salzsee : 1. Die Geschichte der Secte.
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Die Mormonen am großen Salzsee.

1. Die Geschichte der Secte.

Vom großen Salzsee jenseit der Rocky Mountains kommt die Kunde, daß die Regierung Uncle Scans endlich begonnen hat, der scandalösen Ano­malie des neunzehnten Jahrhunderts, die sich dieGemeine der Heiligen vom jüngsten Tage" nennt, und die wir Profanen mit dem Namen des Mormo- nenthums bezeichnen, endlich ein Ende zu machen. Fast ein Viertelsäculum spielte diese greuelvolle Posse in der Einsamkeit hinter der Prairienwüste des Fernen Westens, schwer erreichbar vom Arm des Gesetzes, für uns von Halb­dunkel umhüllt, und von freundlichen und feindlichen Fabeln umwoben. Jetzt haben Eisenbahn und Telegraph ihr längst erwartetes Werk gethan, das Halbdunkel wurde zu Licht, die Fabeln zerrannen, die Mormonen sind mit der civilisirten Welt in Verbindung gebracht und werden sich nun ihren Re­geln und Anforderungen zu fügen haben, oder sich entschließen müssen, den dreiAuszügen aus Aegyptenland," in denen sie vor den Geboten der Civili­sation entwichen, einen vierten folgen zu lassen und ihr Zion auf die Sand- Wichs-Jnseln zu verlegen, wo ihre Apostel bereits seit Jahren ein Asyl für die Brüder bereitet haben.

Geschichte, Glaube, Organisation und Sitte der Mormonen liegen in verschiedenen mehr oder minder ausführlichen Darstellungen vor. Aber alle stnd lückenhaft, die Meisten von zu viel Wohlwollen oder zu viel Abneigung dictirt. Die gründlichste und gewissenhafteste Schrift über diesen großartigen religiösen Humbug ist unstreitig die von Moritz Busch*), die aber gleichfalls noch der Ergänzung bedarf. Im Folgenden geben wir eine Skizze dieser Er­scheinung, die manchem Leser wie ein häßliches Gespenst oder wie ein Stück auf die Erde gefallenes Mondmenschenthum vorkommen wird, die uns aber nicht zu sehr wundern darf, wenn wir daran die Thatsache halten, daß der

") Geschichte der Mormonen nebst einer Darstellung ihres Glaubens und ihrer ge­genwärtigen socialen und politischen Verhältnisse von Or. Moritz Busch. Leipzig, Verlag von Ambrosius Abel. 1870.

Grenzboten II. 1871. 106