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hat sich ergeben, wie sehr man bisher die französischen Ereignisse überschätzt und die gewaltige Veränderung des politischen und socialen Lebens in Deutschland zurückgesetzt hat.
Die französische Geschichte jener Jahre 1789—1799 etwas kühler, etwas objectiver und nüchterner als die französischen Civilisationsherolde selbst pro- clamiren, aufzufassen, werden heute in Deutschland wohl nicht allein die Historiker , fondern die literarisch und politisch zurechnungsfähigen Kreise überhaupt gelernt haben. Die unbefangene Kritik der Revolution durch Sybel und seine gleichmäßig auch die außerfranzösischen Bewegungen heranziehende Darstellung haben einer richtigen Auffassung der Dinge seit 1789 die Bahn eröffnet. Anders steht es noch mit demjenigen Zeitabschnitt, welcher der Revolution und den Revolutionskriegen vorangeht. An Geschichten der klassischen Periode unserer Literatur von allen möglichen und unmöglichen Standpunkten aus ist zwar kein Mangel; und auch zu einer mehr culturhistorischen Auffassung der literarischen Entwickelung ist schon ein vielversprechender Anfang gemacht. Was uns noch fehlt, ist die eingehende und umfassende Würdigung der politischen Zustände in Deutschland und ihrer Entwickelung vor der Revolutionszeit.
In den einzelnen Territorien des deutschen Reiches ist jene 30jährige Periode zwischen dem Hubertsburger Frieden und den Revolutionskriegen erfüllt und belebt von der staatlichen Arbeit, zu welcher ebenfalls die sogenannte Aufklärung den Antrieb gegeben. Dem glänzenden Beispiel des großen Preußenköniges folgten seine fürstlichen Zeitgenossen. Hebung der Volkskräfte, Bildung und Concentrirung derselben zu staatlicher Arbeit, vernunftgemäße Ausbildung der vorhandenen Organe und Einrichtungen, Verbesserung des Heerwesens, Verallgemeinerung der Schulbildung, Reform der Justizpflege: alle diese Bestrebungen erfüllen die verschiedenen Landschaften des Reiches: überall ist Leben und Bewegung, Fortschritt und Gedeihen. Nicht im Ganzen des Reiches, wohl aber in den Einzeltheilen erfreut Reichthum, vielgestaltige Fülle und Mannichfaltigkeit politischer Strebungen und socialpolitischer Weiterbewegung das Auge des Betrachters. Es ist ein entschiedener Fehler, an allem diesem vorbeizugehen und die guten Früchte, die im einzelnen und im kleinen uns auf jenen Feldern erwachsen, zu verachten oder zu übersehen.
In der eigentlichen Reichsgeschichte, in der nationalen Frage dagegen herrscht Stillstand. Anläufe, die man gewagt hat, führen zu nichts: hier ist trotz frommer Wünsche und gutgemeinter Pläne alles beim alten geblieben. Auf diese letztere Seite der deutschen Geschichte jener Zeit lenkt heute ein neues historisches Werk unsere Aufmerksamkeit hin, das, aus der Feder des eigentlichen Meisters uud Hauptes unserer deutschen Historiker herstammend, einigen kurzen Betrachtungen auch an dieser Stelle zum Gegenstand dienen mag.