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Herder's Einwirkung auf die deutsche Lyrik von 1770-1775 :
(Fortsetzung.)
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K1S

Ist diese Verklärung, Weiterbildung der entlehnten Form auch Herder- sches Verdienst? Der behutsame Analyst wird sie als Ergebniß und Ausfluß der originalen Anlage des Dichters selbst bezeichnen müssen. Aber von dem Inhalt kommt Einiges wohl wieder auf Rechnung Herder'scher Anregungen; zunächst was verwandt ist mit dem, was Klopstock in der Frühlingsfeier äußert, und dann auch wohl die eigenthümliche spinozistische Modification der Klop- stock'schen Religiosität,

Zunächst muß man sich gegenwärtig halten, daß man es mit Gefühlen zu thun hat, die in dieser Zeit Grundstimmung der Dichterseele zu sein schei­nen; Werther und Faust sehnen sich ähnlich wie der Dithyrambiker, auf Flügeln des Adlers oder Kranichs den Schranken des Irdischen entrückt zu werden.

Wenn Werther in dem Wimmeln der Frühlingswürmchen die Ge­genwart des Allmächtigen fühlt, fühlt das Wehen des Alllieben­den, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält, so drängt er sich wie vergöttert heran an das innere, glühende, heilige Leben der Na­tur und sehnt sich mit den Fittigen des Kranichs zu dem Ufer des unge­messenen Meeres, um aus dem schäumenden Becher des Unendlichen jene schwellende Lebenswonne zu trinken und nur einen Augenblick in der uneinge­schränkten Kraft seines Busens einen Tropfen der Seligkeit des Wesens zu fühlen, das Alles in sich und durch sich hervorbringt. Und nach Faust's Meinung ist jedem eingeboren,

Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,

Wenn über uns, im blauen Raum verloren

Ihr schmetternd Lied die Lerche singt, -

Wenn über schroffen Fichtenhöhn

Der Adler ausgebreitet schwebt

Und über Flächen, über Seen > Der Kranich nach der Heimath strebt. Also dreimal derselbe eigenthümliche Drang, sich in's All zu versenken; ist es eine originale Regung der Seele? Liest man die Frühlingsfeier vorher, so spürt man im Gauymed und in der Wertherstelle schon an der Wahl der Worte deutlichste Nachwirkung; und kennt man Giordano Bruno und Spi­noza, so findet man kaum noch etwas, was der Dichter sich selbst verdankt, als jene schöne Vermischung pantheistischer und christlicher Andacht zu so herzig dichterischen einschmeichelnden Sehnsuchtslauten.

Wer führte aber Goethe zu jenem Gedichte Klopstock's, wer zu Spinoza, als Herder? In Beziehung auf Spinoza fetzen Manche umgekehrt eine Ein­wirkung Goethe's auf Herder voraus, und nehmen dieselbe erst in den 80er Jahren an, z. B. Hettner in der Geschichte der deutschen Literatur im I8ten Jahrhundert (III, 2. S. 73) und Twesten in seinem Buche über Schiller's Verhältniß zur Wissenschaft (S. 92). Daß Goethe und Herder zur Zeit der