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Vermischte Literatur.
Liebesgeschichten. Neues aus den alten vier Wänden von Rudolf Reiche- nau. Zweite Auflage. (Verlag von F. W. Grunow, Leipzig.)
Der Verfasser hat in dem vorliegenden Buch eine Fortsetzung seiner anmuthigen Skizzen „Aus den vier Wänden" geliefert, welche bereits in der neunten Auflage vorliegen. Dieselben Gestalten, denen wir in der „Kinderstube", auf den Spielplätzen der „Knaben und Mädchen" „auswärts und daheim" begegnet waren, treten uns „in den Liebcsgcschichtcn" als Jünglinge und Jungfrauen entgegen und werden bis an die Schwelle des reiferen Lebens geleitet. Auch der Verfasser ist der alte geblieben und weist dieselben Vorzüge aus, welche er in seiner früheren Schrift zur Geltung brachte: Einfachheit, Frische und Herzlichkeit der Empfindung, anspruchslose Genügsamkeit an dem, was sich durch alle Wandlungen des Staats- und Gescll- schastslebens gleich bleibt, — der Welt des Hauses und Herzens. Ihre eigenthümliche Anziehungskraft hatten die Bilder „aus den vier Wänden" dadurch ausgeübt, daß sie auf das von vielen Einflüssen des modernen Lebens unberührt gebliebene rein Menschliche, die Freude an Haus und Kindern zurückgegangen waren und im voraus darauf verzichtet hatten, über den Kreis der „seligen Verschollenheit" hinauszugreifen, in welchem das Kind lebt. Mögen alle Verhältnisse des äußeren Lebens dem Wandel unterworfen sein, die Freude und Sorge an den Kindern bleibt dieselbe; Knaben und Mädchen üben die jugendlichen Kräfte an denselben Spielen, haben beim Eintritt in das wirkliche Leben mit denselben Irrthümern und Schwierigkeiten zu kämpfen, streben während der Ucbcrgangsjahre in derselben Weise nach weitauseinandcrliegendcn Zielen, um sich schließlich zu einem Bunde zusammenzufinden, wie der ihrer Eltern war.
Auch in den „Liebcsgeschichtcn" hat sich Neichenau bemüht, diese Grenzen möglichst festzuhalten und diejenigen Gebiete des Lebens, welche außerhalb des Kreises der Idylle liegen, nur flüchtig zu berühren. Der Natur der Sache nach müssen aber bei Schilderung der Beziehungen zwischen Jüngling und Jungfrau die Einflüsse der modernen Cultur stärker berücksichtigt werden, als bei Schilderungen aus dem Kindcrleben. Im allgemeinen ist dies in richtiger und geschmackvoller Weise geschehen; der Abschnitt „Evelinc vormals Evchcn" entwirft z. B. ein recht anmuthigcs Bild von der Verwirrnng, welche die Beschäftigung mit den Erzeugnissen der modernen Lyrik in dem Gehirn eines jungen Mädchens anrichten kann. Bei der Beschränktheit des Vorwufs hat die Darstellung nicht immer Wiederholungen und einzelne Monotonien vermeiden können, in der Regel die Klippe, an welche der Nachen der Idylle stößt. Der gesunde Sinn des Verfassers hat sich aber auch darin bewährt, daß das Büchlein auf einen bescheidenen Umfang beschränkt geblieben ist und mit dem Zeitpunkt schließt, wo auch im wirklichen Leben die idyllische Lebensauffassung aufhören muß, bei der Eheschließung.
Mit Nr. K beginnt diese Zeitschrist ein neues Quartal, welches durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen ist.
Leipzig, im December 1867.
Die Werlagshandlnng.
Verantwortliche Redacteure: Gustav -Freyt»« ». JulinS Eckardt. Verlag von F. L. Hcrbig. — Druck vou Hiithel Lcgler in Leipzig.