Beitrag 
Eine ultramoderne Versammlung.
Seite
118
Einzelbild herunterladen
 

N8

nach der rhetorischen Schulreiterei Herr Zander, der Redacteur des Volksboten aus München das Seinige als Clown. Sechs Orden vertraten die Schellen der Kappe. Er sprach von dem traurigen Zustande der katholischen Kirche in Bayern, Es waren viel bajuwarische Pfarrer da, sie lachten, daß ihnen Thrä­nen über die seisten Wangen kollerten.

Was das Brüllen anlangt, so war Greuter jedenfalls der Löwe des Abends. Mit was soll man seine Art von Beredsamkeit vergleichen? Am besten mit einem Feuerwerk. Wie das zischt, kracht, knallt, lodert und sprüht, alles be­leuchtend, ohne daß man auch nur das Geringste erkennen kann. Der Mann ist m der Thüre zwischen Declamations- und Feebtkunst stecken geblieben, eine vollendete Kapuzinernatur, die überall da Leidenschaft hat, wo anderen Leuten der Verstand sitzt. Den lehrreichsten Passus seiner Rede müssen Sie wohl oder übel mit anhören. Er bezog sich auf das decorative Arrangement des Saales: An der Stelle, wo sonst die Schmerzensmutter steht, steht der heilige Vater, an jener Stelle aber, wo Johannes der Verbannte aus Pathmos stand. Franz Joseph, der gesalbte apostolische König; und wenn Christus heute seinen Mund öffnet und herabruft zum Repräsentanten der Kircbe, so haden wir an unserm Kaiser keinen schlechten Stellvertreter und Christus kann heute noch zum Repräsentanten der Kircbe sagen, was er einstens gesprochen hat:Weib siehe deinen Sohn!" Und ich bin der festen Ueberzeugung, daß die gekreuzigte un­sterbliche Liel'e zum gekrönten König (nämlich von Ungarn) sagen würde:Sohn siehe deine Mutter!" Aber auch Euch deutschen Brüdern ist unsterbliche Hoffnung in eueren Herzen. O, es kann einmal die Zeit kommen, wo sich der Adler von Pathmos einmal erbeben wird und unter seinem Flügelschlage entsteht die Freiheit dem deutschen Reich!"

Nun, vielleicht giebt diese apokalyptische Auffassung der Dinge den Schlüssel zur Lösung der östreichischen Frage, die den ordinären Weisen soviel Kopfzer­brechen macht.

Briefe vom Reichstag.

Berlin, 1. October.

II.

Bismarck hat einmal gesagt, wir hätten zuviel Intelligenzen in Deutsch­land, und deshalb kämen wir nickt vorwärts. Die Wahrheit dieses Ausspruchs fiel mir schwer auf die Seele, als ich mein erstes Briefchen und damit die linke Seite des Hauses besorgt und aufgehoben glaubte, und nun plötzlich die freie Vereinigung" ais unvesprochene Intelligenz leibhaftig vor mir auf den Bänken des linken Centrums sitzen sah. Nur reumütkiger eiliger Nach­trag kann hier helfen. .

Diefreie Vereinigung" ist jedenfals ein Unicum rm Hause. Äis ihre berechtigte Eigenthümlichkeit kann gelten: sie ist so frei, daß sie aushört