Knrhessen als Preußische Provinz.
Die „Grenzboten" bringen von Zeit zu Zeit eingehende Berichte über die Zustände in den neuen preußischen Provinzen, namentlich über Schleswig-Holstein und über Nassau, wo so vieles äußerst reformbedürftig ist. Lassen Sie mich diese Berichte durch einen solchen aus Kurhesscn vervollständigen. Ich bin, wie Sie wissen, nicht Kurhesse, kenne aber dieses Land aus eigener Anschauung und glaube für die Nichtigkeit meiner Schilderung einstehen zu können. Jedenfalls ist meine Auffassung eine unbefangene, und soweit ich genöthigt bin, gegen das Vorgehen der preußischen Negierung mich tadelnd auszusprechen, werden Sie überzeugt sein, daß dies in nationalem und nicht in particularistischcm Interesse geschieht.
Kurhessen hat Lustra hindurch an einer mindestens ebenso schweren Mißregierung gelitten, wie Nassau. Herr Hassenpflug mit seinen Muckern und Herr Werren mit seinen Klerikalen geben einander nichts heraus. Allein die Mißregicrung hatte in Hessen nicht solche Verheerungen angerichtet, wie in Nassau. Es gab dort Bollwerke, welche von der schmutzigen Sündfluth der Reaction weder überschwemmt, noch unterwühlt worden sind. Die Verfassung von 1831 und die gleichzeitig mit deren Vereinbarung zwischen dem Fürsten und den Landständen geschlossenen Verträge waren dort in Fleisch und Blut übergegangen, sie hatten in dem Nechtsbcwußtsein der Bevölkerung sehr tiefe Wurzeln geschlagen; und dieser altkattische Volksstamm hat sich stets durch sein eisernes Nechtsbcwußtsein ausgezeichnet und durch den zwar etwas passiven, aber desto unerschütterlicheren Muth in den schweren Leiden, weiche eine höchst eigenthümlich geartete Dynastie unter den drei letzten Regenten über das unglückliche Land heraufbeschworen, und die das Voll, oder wenigstens große Schichten desselben fast wieder vergessen zu haben scheint; denn sein Gemüth ist stets zum Vergeben geneigt und sein Gedächtniß ist kurz — fast zu kurz möchten wir sagen — für erlittenes Unbild. - Als es sich darum handelte, ob das Land
Grenzl>o!cn III, 1867, ^