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Vermischte Literatur.
Aus dem Nachlaß Varnhagens von Ense. Briefe von Chamisso. Gncisenau, Haugwih, W. v. Humboldt, Prinz Louis Ferdinand, Rcchel, Nückert, Ludw. Ticck u. A. (2 Bände, bei F. A. Brockhaus.)
„Wenn man nur immer die Gcschicklichkcit hätte, wahr sein zu können, so wäre cs nicht möglich, sich je schämen zu dürfen." Diese in Rahcls Tagebüchern gelegentlich aufgestellte Behauptung, die ernsthaften Leuten zu allen Zeiten gleich unwahr erschienen sein dürfte, sie hat nicht gründlicher widerlegt werden können, als durch die Veröffentlichungen aus dem Nachlaß des Mannes, der durch ein halbes Menschenleben der Haushaltcr über die Geheimnisse des Kreises war, der sich um Nahcl und die übrigen schönen Seelen Berlins gesammelt hatte. Während es bei der Lccture der vier Bände varnhagcuschcr Tagebücher noch geschehen konnte, daß das Interesse an den von dem Memoircnschrcibcr behandelten Thatsachen die peinlichen Empfindungen überwog, welche durch die Art und Weise der Behandlung derselben wachgerufen wurden, kommt man bei der Kcnntnißnahme des Inhalts der vorliegenden Briefe über das Gefühl peinlichsten Unbehagens schlechterdings nicht hinweg: die „Geschicklichkcit", mit welcher Herausgeber und Briefsteller „wahr zu sein" bemüht gewesen sind, bringt dieselben so häufig in den Fall „sich schämen zu müssen", daß der Leser immer wieder genöthigt wird, diese verabsäumte Pflicht auf seinen Theil zu nehmen. Das gilt vor allem bezüglich der Briefe des Prinzen Louis Ferdinand, seiner Geliebten Paulinc Wiesel und der einschläglichen Auszeichnungen, auf welche die Hcrausgebcrin ein besonderes Gewicht gelegt zu haben scheint, ob dieselben gleich die xartio Iwuleusö der Sammlung ausmachen. Da ist auch nicht eine Zeile, die gegründeten Anspruch darauf Hütte, der Nachwelt überliefert zu werden: der geistreiche und grvßsinnigc Fürst, der durch seinen Heldentod bei Saalfcldt die Vcrirrungen seiner Jugend wett machte, hat cs nicht verdient, daß sein Verhältniß zu unwürdigen, nach Varnhagens eigenem Urtheil moralisch unzurechnungsfähigen Weibern bis ins Einzelne geschildert und einer Nachwelt überliefert werde, die nicht umhin kann, das zuchtlose Treiben einer in maßlosem Subjektivismus verkommenen Gesellschaft noch strenger zu richten, als die Zeitgenossenschaft gethan.
Auch die Aufzeichnungen von und über Wilhelm Humboldt, Chamisso u. f. w. werden höchstens dem Litcraturklatsch, schwerlich aber der Kulturgeschichte zu Gute kommen. Jene Versenkung in kleinlich Persönliche Interessen und Beziehungen, die stete Beschäftigung mit der eigenen Individualität und Begabung, welche die Signatur des Zeitalters unserer großen Dichter und ihrer Epigonen ausmacht und zu dem größeren sittlichen Ernst und der Hingabe an objective Menschheitszweckc, welche unsere Epoche charaktcrisirten, in schärfstem Contrast stcht, sie spricht aus jeder Zeile der K67 Seiten, welche die vorliegende Sammlung ausmachen. Daß sich manches aus denselben lernen läßt, daß sich unter der Spreu auch Waizcnkvrncr finden, die für den Literatur- und Culturhistoriker von Werth sind, kann und soll freilich nicht