Der Reichstag und die Kriegsverfassnng des Bundes.
Durch sieben Wochen eifriger Arbeit hat der Reichstag seine Aufgabe gelöst, den Verfassungsentwurf eines norddeutschen Bundes mit den verbündeten Regierungen zu vereinbaren. In gehobener Stimmung und dem Gefühl, zu einer außerordentlichen Thätigkeit berufen zu sein, begannen die Abgeordneten ihr Werk, aber auch mit geheimem Bangen vor den Kompromissen, die ihnen zu- gemuthet werden würden, und sie schieden aus den Räumen des Herrenhauses mit einer gewissen Resignation, ja wie ermüdete Arbeiter, aber doch mit der Empfindung, daß es nicht an ihnen liegen werde, wenn die politische Neugestaltung Deutschlands sich auf einem andern als dem eingeschlagenen Weg vollziehe. Die Mehrzahl blieb entschlossen, mit gutem Vertrauen in die Zukunft zu blicken, anderen freilich von der Rechten und Linken blieb ein Theil ihrer Sorge zurück, daß die neue Verfassung das feste Gefüge des preußischen Staates allzu sehr lockern werde.
An jedem Tage der Verhandlungen wurde der doppelseitige Charakter des Verfassungsentwurfs erkennbarer und ebenso die Schwierigkeit größer, welche das Dvppelcmtlitz bereitete. Der Entwurf hatte einmal die Tendenz, die Regierungen des Bundes dauernd zu festen Prästationen zu verpflichten, andererseits die Zukunft des neuzubildenden Heeres und Bundes gegen die Einsprüche der Volksvertretung sicher zu stellen. Er glich darum einigermaßen der kunstvollen mechanischen Erfindung, welche man doppelte Schraube nennt. Denn seine Grundlage bildeten geheime Compromisse zwischen den Leitern der preußischen Politik, Verträge der einzelnen Bundesstaaten mit Preußen, und zuletzt wieder Compromisse, welche den Vertretern der Nation und der Landesverfassungen zugemuthct werden müssen. Und was dem ersten Blick aussah wie eine Anzahl Blätter, welche aus den einzelnen preußischen Ministerien herangeflattert und Grenzboten II. 18S7. 21