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Aus Tirol.
Herbst 1864.
Das Bild unserer deutschen Zustände zu ergänzen, darf wohl auch von Zeit zu Zeit ein Bericht aus Tirol nicht fehlen, um so weniger, da dieses Land in seiner Weise — als Pendant zu den Gegenwohnern an der Ostsee — das Mttel- alter vertritt. Es ist die Frage der religiösen Gleichberechtignng.welche hier, obwohl sie anderswo langst abgethan ist, wenn auch keine konvulsivischen Zuckungen, so doch noch immer einzelne Anfälle von Veitstanz hervorruft. Dahin gehören zunächst die Processivnen für die Glaubenseinbeit; hie und da gelingt es auch einen Fanatiker zu Verbrechen gegen die öffentliche Sicherheit zu entflammen. So wurde am 30. September bei unserem Kreisgericht der Bauer Ganthaler zu vier Monaten Kerler verurtheilt, weil er im Curgarten zu Meran einige thönerne Statuen, welche keine katholischen Heiligen vorstellten, als „luttrische Göttinnen" zertrümmert hatte. Der Mann ist Knecht beim Pfarrer von St. Valentin, die Härte des Gesetzes trifft nur den Thäter, aber nicht den moralischen Urheber. So sehr wir für den Fanatiker ein milderes Urtheil wünschen möchten, ist dennoch das strenge unbedingt aufrecht zu erhalten, weil beim Zelotismus einzelner Pfaffen sonst kein Liberaler Leibes und Lebens sicher wäre. Daß derlei Ungebührlichkeiten überhaupt gar nicht vorgekommen wären, wenn die Regierung den berüchtigten Antrag des Bischofs von Brixen abgelehnt hätte, darf man nicht erst sagen, es ist jedermann davon überzeugt.
Ueber das Schicksal jenes Antrages hört man folgendes. Als im April des heurigen Jahres der Abgeordnete Pfretzschner eine scharfe Interpellation einbrachte, warum die Entscheidung dieser Angelegenheit verschleppt werde, wußte der Statthaltereipräsident Coronini keine Antwort; da hielten die Minister zu Wien einen Rath, formulirten die Ablehnung des bischöflichen Antrags und übergaben sie dem kaiserlichen Cabinet zur Unterschrift. Dort hat man aber bis zur Stunde nicht unterschrieben. Wir muthen Schmerling nicht zu, die tirolische Glaubenseinheit zu einer Cabinetsfrage zu machen, wagen aber auch kaum zu behaupten, baß durch eine wiederholte energische Anregung des Themas nichts zu gewinnen wäre. Aus den angeführten Thatsachen mögen Ihre Leser selbst die Schlüsse ziehen.
Der Erfolg des fortwährenden Zögerns kommt begreiflicherweise zunächst den Ultramvntanen zu gute. Die Liberalen erfahren eben an ihrem eigenen Fleische, daß auch in Neuöstreich der Einfluß des Klerus keine Fabel ist; die servile Mittclpartei, welche stets, um ihr Verhalten einzurichten, nach oben schielt, neigt sich mehr und mehr den Pfaffen zu.
Welche Bedeutung der Cierus für Tirol noch hat, beweisen einige Zahlen,