Der Wendepunkt in der Geschichte Sachsens.
Angesichts mancher Erscheinungen in der Politik und Geschickte könnte man die paradox klingende Frage aufwerfen, ob es gut für einen Staatsmann sei, wenn er zu den geistreichen Leuten gehört. Wir verstehen unter geistreich sein die Gabe, die verschiedenen Beziehungen der Dinge und der Personen unter sich rasch zu überblicken, zu gruppircn und in einer gefälligen oder blendenden Form darzustellen. Es ist dies eine sehr werthvolle, aber auch gefährliche Eigenschaft, weil der Geist leicht durch die Fülle der sich ihm darbietenden Combinationen sich verirrt und über der Prüfung der vielen Wege, die sich ihm eröffnen, den Entschluß Versäumt, dafern nicht ein gerader Verstand und ein starker Charakter regulirend zur Seite stehen. Daher kommt es, daß geistreiche Männer im wirklichen Leben, und das ist doch die Politik im eminentesten Sinne, in der Regel viel geringere Resultate erzielen, als Männer mit beschränkterem, aber geradem Verstand und festem Willen. Außerdem aber haben geistreiche Leute nur zu oft zu großes Vertrauen in die Macht ihrer Dcductionen und unterschätzen dagegen das Gewicht der realen Verhältnisse. Sie glauben schon im Voraus des Sieges sicher zu sein, wenn sie die brutale Gewalt der Materie mit den glänzenden Waffen der Dialektik, in der sie sich Meister fühlen, zu bekämpfen unternehmen. Berauscht von ihren Combinationen, vergessen sie häusig den Umfang der ihnen zu Gebote stehenden Mittel und die Größe und Beschaffenheit der ihnen entgegenstehenden Hindernisse richtig in Rechnung zu stellen und das Facit entspricht daher äußerst selten den gehegten Erwartungen.
Diese Gedanken befielen uns, als wir die vor Kurzem in französischer Sprache erschienenen „Denkwürdigkeiten des Grafen v. Scnfft, ehemaligen sächsischen Ministers" lasen. Herr v. Scnfft leitete die auswärtige Politik seines Vaterlandes in den kritischen Jahren 1810—1813, nachdem er vorher den Gcsandtschaftsposten in Paris bekleidet hatte, welchen er 1806, 32 Jahr alt, angetreten. Daß er bei den damaligen sächsischen Verhältnissen in so jungen Jahren einen so wichtigen Posten übertragen erhielt, spricht schon für seine Begabung; mehr noch jede Seite jenes Buches, das uns eine Fülle fein gezeichneter Porträts, interessanter Anekdoten aus den Hof- und Rcgicrungskreisen dieser Zeit und geistreicher Auseinandersetzungen der politischen Ansichten und Grenzboten IV. 1864. 31