Careys Bedeutung für die Socialpolitik.
Im Jahre 1859 gab der Amerikaner Carcy sein großes, drei starke Bände umfassendes Werk „über die Principien der Socialwissenschaft" heraus. Von dieser hervorragenden Schrift ist im Laufe dieses Jahres der letzte Band der deutschen Uebersetzung erschienen. Es ist zu erwarten, daß diese Veröffentlichung einen sehr großen Einfluß auf die Gestaltung der volkswirtschaftlichen und social- politischen Ideen gewinnen werde. Wenn man erwägt, was die nicht viel länger als ein Jahrzehnt in Deutschland bekannten (von Prince Smith übersetzten) „ökonomischen Harmonien" Bastiats bereits gewirkt haben, so kann man die. Erfolge nicht leicht überschätzen, welche Careys Principien der Socialwissenschaft in Aussicht stehn. Bastiats Harmonien sind ein nur halb vollendetes Werk und übrigens zur schulmäßigen Propaganda ihrer losen und äußerlich wenig systematischen Form wegen gar nicht besonders geeignet. Dennoch bilden sie jetzt den Codex, aus dessen Gesetze»? sich die ganze praktische Socialpolitik, die sich vornehmlich in der Arbeiterbewegung wirksam zeigte, mit dem nöthigen theoretischen Rüstzeug versehen hat. Nun sind aller Aehnlichkcit und sogar Uebereinstimmung ungeachtet die Schöpfungen der erwähnten beiden Denker so grundverschieden, und es ist der von großartigen welthistorischen und naturwissenschaftlichen Anschauungen bewegte Carcy dem reizenden und elegant dialektischen Bastiat in vielen Hinsichten so sehr überlegen, daß man sich kaum irren kann, wenn man erwartet, daß von seinen noch obcnein für unsere Zustände besonders anzüglichen Ideen allmälig ein großer Umschwung herbeigeführt werden wird.
Es würde vermessen sein, auf wenigen Seiten die Bedeutung eines Werkes und eines Mannes würdigen zu wollen, der vielleicht bestimmt ist, unmittelbar nach Adam Smith und als der zweite Vater wenn nicht der Volks- wirthschastslehre — denn diese hat keine zweite Erzeugung nöthig — so doch der Socialwissenschaft genannt zu werden. Wir beschränken uns daher darauf, die Hauptverdicnste, die unser Denker anerkanntermaßen um die Förderung der eigentlichen Volkswirtschaftslehre hat, kurz hervorzuheben, und dann zu einer gedrängten Kennzeichnung seiner bis jetzt in Deutschland noch sehr wenig besprochenen und noch weniger gewürdigten socialpolitischen Anschauungen überzugehen. Grenzboten IV. 18K4. 6