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Vasari der andere. 1.
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Vllsari der andere.

i.

Wer heute eine bedeutende Erscheinung der Kunstliteratur dadurch einführt, daß er sie wie wir es hier thun gewissermaßen unter die Auspicien Vasaris stellt, wird den Gegenstand seines Interesses zunächst gegen das un­günstige Vorurtheil der Kenner zu schützen haben. Ueberall, wo sich moderne Kunstforschung auf dem Gebiete von Vasaris Biographien bewegte, hat sie den ehemals hochgefeierten Historiker der italienischen Kunst auf groben Menschlich­keiten betroffen. Sein Autoritätsnimbus ist über und über fleckig geworden und kein Forscher liest jetzt eine Zeile seines Buches ohne äußerstes Mißtrauen; weiß man doch, daß der gute Alte oft genug auch da fabulirt, wo er lediglich Selbsterlebtes zu berichten braucht; der Seelenruhe ganz zu geschweigen, womit er die Lücken seiner Kenntnisse durch die naivsten Hypothesen ausfüllt, die er kurzweg als beglaubigte Thatsachen auftischt.

Trotz alledem wird jeder, der sich mit dem Studium italienischer Kunst beschäftigt, fortwährend genöthigt sein, den Finger in Vasaris Buche zu be­halten. Es ist und bleibt, discredidirt wie es nach den verschiedensten Rich­tungen auch sein mag. dennoch von außerordentlichem Werthe. Nicht blos in dem Sinne, in welchem jede Ueberlieferung, auch wenn sie aus baaren Lügen bestünde, ihre Wahrheit und Wichtigkeit für den Forschenden hat, sondern darum, weil bei dem Zustande unsrer Kunde fast alle Einzelnheiten der Be­richte Vasaris in der Weise gebraucht werden, wie der Architekt die Baustücke eines zu erneuenden Hauses anwendet, auf welche er sich so lange stützen muß. bis die Ucberbauung fertig ist. Das meiste Alte bröckelt als Schutt hinweg; aber das Neue stünde nicht da. wenn jenes nicht als Substrat gedient hätte. Eine im Factischen noch so ungetreue und lückenhafte historische Ueberlieferung, wenn sie nur den Vorzug zeitlicher und localer Nachbarschaft mit ihrem Gegen­stande hat. ist von unersetzlichem Belang. Denn es giebt jeder historischen For­schung ein treffliches Correctiv und eine gewisse Gewähr der Richtigkeit, wenn sie ihren Ausgangspunkt von einer Quelle nehmen kann, zu welcher sie sich von vorn herein skeptisch verhalten zu müssen weiß. Die Literatur aller histo- Grenzboten III. 1864. 61