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Das älteste Christenthum und seine Literatur.
6. Jesus von Nazareth.
„Ueber wenige große Männer der Geschichte sind wir so ungenügend wie über Jesus unterrichtet" — dieses Bekenntniß legt Strauß nach der eingehendsten Untersuchung aller einzelnen über Jesus berichteten Thatsachen ab. Und es ist nicht anders. Auf wenigen Seiten, ja in wenigen Sätzen ließe sich dasjenige erzählen, was als erweisliche Geschichte aus den Nachrichten von Jesus sich herausschälen läßt. Alles andere ist ein Gewebe von Vermuthungen, die sich mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit erheben lassen, und das, als Ganzes betrachtet, sich im Grunde nur dadurch legitimiren kann, daß es ein in sich zusammenstimmendes Lebensbild giebt, das mit den richtig verstandenen Quellen nicht im Widerspruch steht. Allein je zweifelhafter eben diese Quellen sind, je weniger sie kaum an irgendeinem Punkte festen Fuß zu fassen gestatten, um so weiteren Spielraum hat die Vermuthung, die Combination: dem Eindringen subjectiver Gesichtspunkte ist fast gar nicht auszuweichen.
Und es ist nicht blos das äußere Leben Jesu, dessen bestimmte Züge frühzeitig durch die Sage verwischt worden sind; dies hätte weniger zu sagen, da das Leben Jesu doch in jedem Falle einen einfachen Verlauf hatte. Was wichtiger ist, und beim Leben eines Neligionsstifters vor allem das Interesse fesseln muß, auch seine innere Geschichte, das Wachsthum seines geistigen Lebens, die Entstehung und allmälige Entwicklung seines religiösen Ideals, die praktischen Folgerungen, die er daraus für die Erscheinungen des damaligen Neli- gionslebens zog. — dies alles ist uns in theils unbestimmten, theils widersprechenden Zügen überliefert worden, so daß es in der That auf diesem ganzen Gebiet keine Einzelfrage giebt, sei es z. B. das Verhalten Jesu zur Mes- staswürde, oder zum jüdischen Gesetz, oder zu der nichtjüdischen Welt, welche sich bis zur Gewinnung eines bestimmten, rein geschichtlichen Resultates erörtern ließe. Denn eben hier stoßen wir bei jedem Schritt in unseren schriftlichen Quellen auf jene verschiedenen Richtungen innerhalb der älteren Gemeinde, welche alle ein gleichmäßiges Interesse daran hatten, ihre Auffassung des Christenthums bis aus den Stifter selbst zurückzuführen.
Daß wir von der frühesten Entwicklung des innern Lebens Jesu, von seinem öffentlichen Austreten keine Nachrichten haben, ist nun freilich auch schon deshalb begreiflich, weil es der schriftlichen Aufzeichnung, die ja kein rein historisches Interesse verfolgte, ferne lag, in die Verborgenheit innerer Vorgänge einzudringen, für die es überdies an allen Mitteln der Bezeugung fehlen mußte.