Bayern und der Thronwechsel.
Anfangs September.
Sie wollen einen Bericht über den jungen König und die wenigen Monate seiner Regierung. Es ist nichts schwerer, als über einen jungen Konig zu berichten. Tausendfach zwar kreuzen sich die Mittheilungen angeblich Eingeweihter über die Begabung, den guten Willen, die ersten Thaten eines neuen Monarchen; aber skeptische Gemüther bewegen sich in gelinden Zweifeln über die Genauigkeit und Unbefangenheit solcher Nachrichten, sobald sie sich über das Niveau der harmlosen Anekdote erheben, welche unter den Lakaienkreisen mit und ohne Livree in und außerhalb der Residenz circulirt.
Lassen Sie mich Ihnen mit dem aufrichtigen Geständnis), daß ich nicht viel weiß, das, was ich zu wissen glaube, mittheilen.
Der junge König von Bayern wird als ein talentvoller, ausgeweckter Jüngling geschildert; wie hundert andere seiner Altersgenossen hat er gelegentlich seinen Vers gemacht, vorerst ohne die sonst im wittelsbachischen Hause erbliche Autorentendenz, außerdem schwärmt er für die Zukunftsmusik und hat Richard Wagner schon in München, wie gegenwärtig in Hohenschwangau, zu Besuch gebeten, auch den Proben des „Fliegenden Holländers" beigewohnt. Das ist vorerst alles, was man von seiner Neigung zu den schönen Künsten weiß. Wie es mit den Wissenschaften bestellt ist, dürfte noch schwieriger sein zu sagen. In den Vorlesungen von Liebig und Jolly soll der damalige Thronfolger keine besondere Vorliebe und keine rasche Fassungsgabe für die Geheimnisse der Naturwissenschaften an den Tag gelegt haben; aus den Vorhallen der Jurisprudenz rief ihn das Geschick auf den Thron. Im nächsten Winter soll ihm, so viel wir hören, Pözl, der zweite Präsident des Abgeordnetenhauses, Vorträge über Staats- und Verfassungsrecht halten, gewiß ein trefflicher und gewissenhafter Mentor. Inzwischen hat der junge Fürst, wenn sich ihm die grauen Räume der Theorie öffnen, schon manche Frucht vom Baume des constitutionellen Lebens gekostet. In der kurzen Zeit seiner Regierung hat das Land ja sogar schon eine theilweise Ministerkrists erlebt, der Sturz des Justizministers, des Cultusministers war einige Tage lang ein stehender Artikel in bayrischen und deutschen Blättern. Die eigenthümlichen Verhältnisse Bayerns rechtfertigen es, wenn wir sagen, daß dieser Ministerwcchsel zwar nicht nur ein Wechsel der Grenzboten III. 1864. 66