Die französische Malerei unter dem zweiten Kaiserreich.
i.
Als vor kaum zwölf Iahren der gegenwärtige Beherrscher der Franzosen, sein verwegnes Werk krönend, das Diadem der Imperatoren auf sein kluges Haupt setzte, tröstete sich die revolutionäre Demokratie von ganz Europa über diesen tödtlichen Streich, der sie getroffen, mit dem bei allen derartigen Niederlagen gebräuchliche», gemüthlichen Glauben an den provisorischen Charakter, an die Nothwendigkeit des flüchtigen Vorübergehns dieser neuen Tyrannis. an den Stolz und den Freiheitsdrang der „großen Nation" und vor allem an die Unbestcglichkeit der „Idee" und der „guten Sache". Inzwischen haben sich all diese Tröstungen als ebensoviele Selbsttäuschungen ergeben. Der Erwählte des Volkes sitzt fester denn je auf dem selbst geschaffnen Herrscherthron; der gering geschätzte Parvenu, statt, wie ihm prophezeit war, schnell und spurlos wieder von der Bühne zu verschwinden, hat es in jenem verhältnißmäßig kurzen Zeit- räum verstanden, die Stellung seines Volkes unter den übrigen Nationen der Erde, sein inneres staatliches und sociales Leben wie die Formen, in welchen dasselbe in die Erscheinung tritt, gründlich zu verändern und umzuprägen, und zwar so sehr seinen persönlichsten Absichten entsprechend, nach so individuellen Lieblingsziclen hinlenkend, daß. wie sich auch die Geschicke Frankreichs nach ihm entwickeln, die tiefen Spuren des Urhebers seiner gegenwärtigen Neugestaltung nicht verwischt wcrden mögen. In wie fern die durch dies neue Cäsarenthum und unter seiner Herrschaft erzeugten und erwachsenen Zustände und ihre Aeußerungen dem Ideal des politisch Vernünftigen, sittlich und ge- sellschaftlich Guten und ästhetisch Schönen und Edeln entsprechen, ist eine Frage für sich, an deren gründlicher und lebhafter Erörterung man es auch nicht hat fehlen lassen. Jene Zustände haben ein Heer von leidenschaftlichen und erbitterten Angreifern und Kritikern in den Lagern der entgegengesetztesten Parteien überall in Europa gefunden, gegen deren Waffen die der Vertheidiger um so schwereren Stand haben muhten, als es nahelag und vielfach begründet war, daß letztere dabei nicht immer von lautern Motiven und einem wirklichen ehrlichen Glauben an die verfochtne Sache geleitet würden. Auf die Objecte dieser Angriffe haben Grenzboten III. 1864. 46