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Der Mythus der Niobe.
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MA

vollen Wesenheit von ihrem eigenen Standpunkt aus zu verstehen und zu würdigen. Für jene Stirnseiten der Tempel hat der Grieche keine psycholo­gischen feinen Gemälde verwendet, er zeichnet die ruhige Kraft oder den Con­flict gewaltiger Kräfte hinein. Aus den Giebelfeldern soll wie aus olympischer Höhe ein Abglanz der göttlichen Majestät herableuchten und diese weithin verkünden."

Der Verfasser scheint geneigt eine Aufstellung zwischen Säulen oder in Hallen anzunehmen, ohne jedoch das letzte Wort der Entscheidung aussprechen zu wollen.

Der schwierigste der drei großen Abschnitte des Buches ist der letzte, wel­cher die Untersuchungen über den Niobemythus in seiner ethnographischen und inneren Bedeutung enthält. Auf einer Wanderung durch die griechischen Länder geht der Verfasser den Sagcnspuren der Nivbe nach, die sich über ganz Hellas verbreiten und an einzelnen Punkten abgeschlossene Kreise bilden, welche sowohl unter sich als auch mit fremden Sagen auf die wunderbarste Weise verknüpft und gekreuzt, endlich ihren gemeinsamen Schlußpunkt da finden, wo sie ihren Ursprung haben, an der asiatischen Küste, deren nahe Beziehungen zu Griechen­land hierdurch einen neuen Beleg finden.

Es gilt dem Verfasserden ethnographischen Bereich allseitig auszubeuten, das ganze Gewebe in einfache Elemente aufzulösen und zugleich den Nachweis der Verwebung der Sagen aus den historischen Verhältnissen verschiedener Locale und Stämme, so wie aus der Verwandtschaft der Mythenkreise unter sich zu führen." Nur aus diese Weise glaubt er endlich den Mythus selbst in seiner Ursprünglichkeit, in seiner das Volk dunkel aber mächtig beherrschenden Gewalt erfassen zu können.

Eine nur annäherungsweise befriedigende kurze Uebersicht der gelehrten Unter­suchung zu geben, welche die Niobcsage auf ihren vielverschiungcncn Pfaden ver­folgt, würde vielleicht auch für eine streng fachwissenschaftlich gehaltene Darstellung nicht ohne Schwierigkeit sein, da die Wendepunkte, welche hier entscheidend sind, - mehrentheils an locale oder geschichtliche Detailstudicn sich knüpfen und aus dem Zu­sammenhang ohne Schaden oder Mißverständniß nicht leicht abgelöst werden tonnen. Der Verfasser zeigt zunächst die Nivbe als pelasgischc Urgestalt, als Phoroncus- tochter in Argos. Als Tantalvstind erscheint sie in der messcnischen Sage und durch ihre Verpflanzung nach Theben verknüpft sie den Sagenkreis der Pelo- pideu mit dem des Kadmos. Beziehungen ältester Naturanschauungen, von der lebenschaffenden Kraft des Wassers, der nahrungverlcihenden, an vergänglicher Kindcrfülle so reichen Erde verbinden sich in der Gestalt der Nivbe mit den Ueberlieferungen von der ersten menschlichen Cultur und Geistesbildung. Aus dem Gegensatz göttlicher und menschlicher Natur in ihr ist die erschütternde Katastrophe ihres Schicksals hergeleitet. Am Sipylos, dem heiligen Götter-