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Oestreich und die orientalische Frage.
Als im Jahre 1839 der Conflict zwischen dem Sultan Mahmud und Mchcmed Ali die orientalische Frage auf die Tagesordnung der europäischen Politik brachte, ging das Festreden Frankreichs dabin, die Spitze der diplomatischen Action der Großmächte gegen Rußland als dcu natürlichen Feind der ottomanischen Psorte zu kehren, seinerseits aber die allgemeine Furcht vor dcu russischen Plänen zu benutzen, um durch Sclbständigmachung Acgyptens den Zerstückclungsproceß des ottvmanischcn Reiches weiter zu führen und sich in dem Pascha einen ergebenen Vasallen zu erziehen. Lord Palmerstvn durchschaute sofort den in sich widerspruchsvollen Plan uud säumte nicht, die Schwäche desselben zu benutzen, um mit Hilfe Nußlands, das aus Mißtrauen vor dcm französischen Rivalen und aus principieller Abneigung gegen das Juliköniglhum sich vorübergehend in den Kreis der türkcnfreundlichcn Mächte ziehen ließ, Frankreich die schwerste diplomatische Niederlage zu bereite», die cs seit dem Sturze des Kaiserreichs erlitten hatte.
Der Verlauf dieser in einer Reihe von Aussätzen in diesen Blättern nach Guizvts Memoiren dargestellten Begebenheiten läßt uns deutlich die Gefahren erkennen, mit denen die orientalische Frage jeden Staat bedroht, der die Auslösung des ottomanischcn Reiches beschleunigen und die Zerrüttung und Schwäche desselben zu seinem Vortheil ausdeuten will. Seit achtzig Jahren ist die orientalische Frage einer der Angelpunkte der europäischen Politik und zwar derjenige, der, die furchtbarsten Erschütterungen des Kontinents überlebend, nach jeder europäischen Krisis von neuem in den Vordergrund tritt, ohne von seinem zugleich verlockenden und tückischen Charakter das Mindeste einzubüßen. Waren doch Napoleons Blicke inmitten seiner glänzendsten Erfolge stets auf den Orient gerichtet, und lag doch gerade darin, daß er sich mit Alexander nicht über die Theilung der türkischen Beute vereinigen tonnte, die Ursache der Auflösung des Bündnisses zwischen den beiden mächtigen Rivalen.
Indessen ließen schon die Verhandlungen NavolconS und Alexanders in Erfurt - klar erkennen, daß Frankreich und Rußland durch das gemeinsame Band der Begehrlichkeit in dieser Frage zusammengehalten werden. Beide Mächte sahen die Türkei als ein Beutestück an; nur darüber waren und sind sie uneinig, wie die Beute unter ihnen zu vertheilen sei. Beide gehen von der Ansicht aus, daß die Türkei unrettbar dcm Untergänge verfallen sei. Beide suchen den innern Auflösungsproccß der Türkei im Gange zu halten, um im geeigneten Augenblicke den vernichtenden Stoß auf das wankende Gebäude zu
Grcnzbotcn II. 28