MLRM)
Aus Schwaben.
20. März.
Ueber die Einberufung unsres Landtags verlautet noch immer nichts Zuverlässiges, und die Commissionen haben in Folge hiervon vollauf Zeit, das deutsche Handelsgesetzbuch, das Einquartierungsgesetz, das Complexlasten- gesetz. das Judenemancipationsgesetz, das Volljährigkeitsgesetz, das Studen- tencreditgesetz u. s. w. — denn eine ganze Leiter solcher Gesetzentwürfe wird außer dem Budget den nächsten Landtag beschäftigen — mit aller Muße und Gründlichkeit durchzusiudiren. Hierbei ist der Handelsvertrag und die deutsche Frage, für welche aus der Mitte der Kammer mehre Anträge eingebracht sind, noch gar nicht gerechnet. Bedenkt man die Dringlichkeit wenigstens eines Theils dieser Vorlagen, so ist allerdings das Zögern in den Entschließungen der Regierung, das andrerseits wieder der Gemächlichkeit der Commissionsarbeiten zu Statten kommt, schwer zu begreifen. Man glaubt deutlich die Abwesenheit des Königs zu spüren. So lange dieser in Nizza weilt, fehlt der rechte Impuls. Es ist eine gewisse Stockung in den Geschäften eingetreten, man treibt mechanisch fort in dem gewohnten Geleise, und es wird hierin wohl ein Beweis erblickt werden müssen, wie fest der alte Herr noch in seinen jetzigen Tagen die Zügel in den Händen hält. Bekanntlich wacht er mit fast eifersüchtiger Sorge für die Aufrechthaltung seiner königlichen Autorität, und das Maß der während seiner Abwesenheit dem Kronprinzen zugemessenen Befugnisse 'st wie immer so auch diesmal sehr bescheiden, so bescheiden, daß es darüber fast zu ärgerlichen Vorgängen gekommen wäre.
Die Gesundheit des greisen Monarchen hat, obwohl im Allgemeinen die Folgen des Alters sich fühlbar machen, doch gerade in letzter Zeit sich wieder erheblich gebessert. Die geistige Regsamkeit des Fürsten ist auch an den Ufern des Mittelmeers lebhaft den vaterländischen Angelegenheiten zugewandt; besonders scheint er sich für Bauten, städtische Anlagen u. dgl. zu interessiren. fortwährend beschäftigen ihn neue Entwürfe, und da sein Interesse für die Kunst rm Grund erst in seinen späteren Jahren erwacht ist, wünscht er nun mit jugendlicher Ungeduld noch möglichst Vieles in dieser Beziehung vollendet zu sehen.
Grenzboten I. 1363. 62