Beitrag 
Von der preußischen Grenze.
Seite
115
Einzelbild herunterladen
 

115

Von der preußischen Grenze.

Seit den ersten Anlaufen zum parlamentarischen Wesen in Preußen, also seit dem Vereinigten Landtag von 186-7, ist keine Landesvertretung mit einem so ent­gegenkommenden Vertrauen des Volks begrüßt worden, als die gegenwärtige. Zu andern Perioden 1847 und 1848 war die Hoffnung und Erwartung ge­spannter, aber sie war mit Unruhe und Mißtrauen zersetzt, die Zustände selbst waren problematisch und das Volk sah sich einer in gewissem Sinn fremdartigen Macht gegenüber, die es zu prüfen noch keine Gelegenheit gehabt. Die Majorität der Mutigen Kammer hat bereits eine ausgeprägte Physiognomie, man weiß ziemlich genau, was und wie viel man von ihr zu erwarten hat; und die Veränderungen >n der Regierungssphärc haben eine so allgemeine Zufriedenheit hervorgerufen, daß selbst Me gerechten Wünsche mit Geduld und Mäßigung überkleidct sind.

Es ist das sür die Wirksamkeit des Landtags eine höchst günstige Vorciussetzuug; 'udcß sind auch einige Umstände vorhanden, die seine Aufgabe erschweren. Auf diese gleich von vornherein hinzuweisen, scheint uns um so nöthiger, da nichts die politische Entwickelung so stört, als eine sanguinische Stimmung, der die Enttäu­schung folgt.

Zunächst müssen wirnocheinmal aufcincnPunkt kommen, den wirschonvor einigen lochen erwähnt haben, der aber viel böses Blut machen wird, obgleich oder weil er blos die Form betrifft. Wir meinen die Sprachverwirrung in Bezug aus Rechts und Links. Der Landtag verliert dadurch sehr an Popularität, denn populär ^ nur, was dem Volk in handgreiflicher Bestimmtheit entgegentritt. Was bis jetzt rechts und links war, hatte es sich ganz wohl gemerkt; nun soll es seine Vorstel­lungen plötzlich umschmclzcn; und warum? Es ist wieder der leidige Nachahmungs­trieb der Deutschen ; sollen wir etwa von den Engländern auch die Sitte annehmen, eine Erbschaft den Namen verändert? daß bei dem Todesfall eines Verwandten ^"s Lytton Bulwer ein Bulwer Lytton wird, aus Lord Stanley ein Lord Derby? ^'r Deutsche sind einmal gewöhnt, uns bei einem Namen, auch eine bestimmte P"son zu denken, und unser Gemüth hält den Namen scst. wie die Person. Weil wir die Männer lieb haben, wollen wir auch die Namen Vinckc, Schwerin u. s. w. '«behalten, und weil wir links nicht unrühmlich den Uebcrgriffe'n des Feudalismus U"d des Polizciregimcnrs Widerstand geleistet haben, wollen wir links bleiben. Dem "d kostet es einige Mühe, rechts und links zu unterscheiden; warum will man "us wieder in die politische Kinderstube schicken? Und es liegt noch mehr darin, enn wir aus einmal die ministerielle Partei sein sollen, so macht man das Mini­mum für das verantwortlich, was wir sagen (es geschieht ohnehin schon mehr genug!), und uns macht man für das verantwortlich, was das Ministerium Mt und nicht thut. Es wird sür beide Theile bequemer und wahrer sein, wenn ir unabhängig bleiben. Bis jetzt wjssen wir von dem, was das Ministerium ">kt und will, nur durch das Organ derPreußischen Zeitung", und ob man Un die Grundsätze-derselben für richtig vder unrichtig hält, jedenfalls sind es nicht

15"