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W o ch e u v e r i ch t.
Aus Frankfurt.^ Jahresanfang. Nenigkeitscorrespondenzen zu schreiben, ist wol das mühseligste Menschenwerk. Herumsnchcnd, hinhvrchend, ausspähend bei jeder Gelegenheit nnd aller Orten können die Berichterstatter meistens kaum noch den berühmte» rothen Faden Goethe's fassen, der doch solchen Mittheilungen einzig und allein jenen Reiz und jenes Interesse zu verleihen vermochte, welches der Leser suchen muß, um in den Tagesereignissen nicht blos isolirte Vorkommnisse, sondern die Schatten nnd Lichter eines Lebens zu finden. Unsre Generation hat das Lebeu auf die großen Städte concentrirt; machtlos verpuffen mannichfache Versuche zu ueuen Dceentralisationeu, welche allerdings das Herrschen und Beherrschen leichter machen, als das Negieren ist. Doch schon vom heidnischen Alterthume erbten wir den Wahrspruch, verflossene Tage fordern selbst Götter vergebens zurück. Die großen Städte sind Nervenknoten des LcbeusorgauismuS, nnd die politischen Landeögrcnzcn bedenten in der modernen Lebensfluth nicht mehr, als etwa der versenkte Felsblvck in einen Flußbett. Die darüber hiustreichende Welle hebt sich etwas höher als ihre Genossen, gewinnt aber dadurch nnr verstärkten Fall und beschleunigte Naschheit ihres Laufes nach dem Ziele. Dabei nnd darüber verloren die Städte großentheils jenes absonderliche Wesen, welches man speciell als altstädtisch und bürgerlich bezeichnete. Boruirte Sentimentalität in der Publicistik, welche überall verwelkendes nnd sich entfärbendes Lebeu sieht, spricht uuu von eiuem Absterben der Eigenthümlichkeiten. Sie erinnert an den Goethe'schcu General im zweiten Theile des Fanst, der, vor dem Faße liegend, jammert:
Dieweil mein Fäfilein trübe rinnt, Die Welt geht auf die Neige. > Wir sind kein greises Geschlecht; denn das Greisenalter schasst keine neue Lebensbahnen, es lebt in die Vergangenheit zurück nnd kennt nach sich nnr den Tod. Epigonen sind wir dagegen im vollsten Maße. Jmmcrmann hat mit diesem einzigen Worte das Zeitalter so vollkommen richtig charakterisirt, wie vor uud nach ihm kein Denker in langen Abhandlungen. Die Ueberkommcnschaften der Vergangenheit lasten ans unsren Schultern massenhaft und ungestchtet. Das Abgethane vom fnrder Nothwendigen energisch abzuschneiden, sehlt wol nicht die Kraft, aber der rechte Entschluß. Denn die neuen Lcbensgestaltuugeu häufen sich gleichermaßen massenhaft, eben so nngesichtet ans die vorhandenen Lasten des Epigouenthums. Der Hader geht darum, was feste Wnrzel im Alten geschlagen, was neuer Lebenstrieb des Ererbten, was wirklich abgelebt nnd was zu neuem Leben berechtigt sei. Im Bedürfuiß «ach Reform sehlt der klare Blick, die kalte Entschlossenheit zur Revision. Beides kommt sicherlich, aber langsamer, unscheinbarer als nutcr günstigeren Verhältnissen. Erst wenn das Abgethaue Staub