137
Bilder und Scenen ans der Slovakei.
Die F l u ch t.
Der l8. September war einer von den Tagen, welche uns der hinsterbende Sommer als Abschiedsknß zu geben liebt. Unsere Laune war golden wie die Strahlen der schönen Morgensonne; das bnnte Gemisch der mannigfaltigen Waffen und Trachten erschien wie ein Symbol der neugeborenen Gleichheit; der monotone Marschgetös der Trommeln schien uns ein Echo unserer Hochklopsenden Herzen; uud mit den hnndert Melodien der geflügelten Waldbewohner wetteifernd, ließen wir unsere magyarischen, deutschen, slavischen und italienischen Freihcitslieder in ungestörter Eintracht erschallen.
Der Weg von Verbö nach Brezova führt durch eine unwirthbare und für den Wanderer höchst unbehagliche Gegend. Den massenhaft lagernden Gebirgen fehlt jede schotte Linie und alle wohlthuende Abwechselung; denn keiner dieser Berge erhebt sich über das Niveau seiner übrigen Gefährten uud vergebens sucht das Auge einen Pnnkt, von dein es die einzelnen riesigen Lehm- und Steinhausen gruppircu könnte. Die von Sturzbächen hundertfach ausgebuchteten Höhen mit ihren meist kahleil Gipfeln sehen mit den dichten Waldungen in der Tiefe ans wie ein unheimlicher Mißgriff der Natur; die im Sommer meist ausgetrockneten Waldbäche lassen einen grünen, Nur von Kröten und Fröschen bevölkerten übelriechenden Schlamm zurück; und die Landwege dnrch die Berge, welche theils von der Natur, theils durch Menschenhände gehauen sind, verschließen oft Stuuden lang jede freie Aussicht, und hemmen die Bewegung einer größern Wanderschaar. Gegen Mittag erreichten wir das Dörfchen Nozbehi.
Dies kleine Dorf liegt, wie fast alle Dörfer dieser Gegend, an den beiden Ufern eines Waldbachs, der sich dnrch Jahrhunderte ein für seinen kleinen Leib viel zu tiefes und breites Bett ansgewaschen hat, und in einen schmalen Winkel seines großen Lagers liegend, wie ein unruhig schlafendes Kind sich bald nach diesem bald nach jenem Rande streckt. Die kleinen Häuser mit Stroh gedeckt und wie bei alleil Slovaken - die Arvaör ausgenommen — reinlich weiß getüncht und um Fenster uud Thüren mit bnnten Blnmeu bemalt, stehen oben auf dem hundertzackigen Lehmnfer, und die Communication zwischen den beiden Häuserreihen geschieht, wo das Flußbet! schmäler wird, durch einen plattgezimmerten Eichstamm, der in der Mitte von einein hölzernen Pfeiler gestützt wird, wo die Breite des Hohlwegs diesen primitiven Brückenbau nicht gestattet, durch kleine Steintreppen, die zu beiden Seiten in die Tiefe hinabführen, und den Wanderer gerade durch den Bach, oder zu einem leichten Sprunge darüber locken. Grenzbotcii. II, ISSV. 18