Oesterreich und seine Ginheit.
Von einem österreichischen Patrioten
Wenn der österreichische Staat, wie eö im wohlverstandenen Interesse aller Betheiligten liegt, als ein Ganzes betrachtet nnd aufgefaßt wird, in welchem die Ländertheile, ans denen er zusammengesetzt ist, nicht nach Trennung, sondern nach Vereinigung strebeu sollen, so erhalten die Erscheinungen, die sich dem Auge des Beobachters darbieten, eine ganz andere Färbung und Geltung, als die, welche man nicht selten gewohnt ist, ihnen beizulegen.
Es wird daher nicht überflüssig sein zu zeigen, daß trotz der Verschiedenheit der Völkerschaften und der Institutionen, die in Oesterreich herrschen, das gemeinsame Band, welches Alle znsammcnhält, nicht nur in der Person des Regenten, sondern in dem Wesen der Dinge vorhanden ist, und daß jene Verschiedenheiten der staatlichen Einheit des ganzen Körpers nicht im Wege stehen.
Ehe wir jedoch dies näher nachweisen, müssen wir das Bekenntniß ablegen, daß wir hier von zwei Ländertheilen abstrahiren, von welchen es mindestens problematisch ist, ob sie je dem Amalgamirnngs-Prozeß folgen werden, den die übrigen Theile der Monarchie seit lange her begonnen haben. Wir meinen nämlich Galizien nnd Italien. Unmöglich ist es nicht; denn tausend Fäden, tausend Interessen knüpfen auch diese Länder an den großen Körper, dem sie angehören. Galizien hat nur die Wahl österreichisch zu bleiben, oder russisch zu werden; denn die Wiederherstellung Polens ist nunmehr fast zn einem Traum geworden, dem fast alle Bedingungen der Ausführbarkeit fehlen; ihm steht nicht nnr die äußere Macht dreier starkorganisirten Großstaaten, sondern anch der Charakter
*) Aus einer im Laufe der nächsten Monate erscheinenden größer,, Schrift, auf die wir um so mehr Gewicht legen müssen, als der Verfasser einer der unabhängigsten Charaktere der Monarchie ist und diese Unabhängigkeit der .Regierung gegenüber mehrfach bethätigt hat. Wir stimme» zwar in mchrern wesentlichen Punkten mit den Ansichten des Herrn Verfassers keineswegs übercin. Indeß können wir uns nicht anmaßen, die öffentliche Meinung Oesterreichs allein repräsentiren zu wollen, und so lange die verschiedenen liberalen Parteien im Kaiscrstaate nicht ihre organisirte Vertretung in der Presse gefunden haben, halten wir es für unsere Pflicht, ihnen in unserem Blatte Raum zu geben, gleichviel ob die Rcformvorschlcigc im altständischc» oder im ncuständischen odir im josephinischen Sinne abgefaßt sind. D. Red. Wrcnzboten. IV. 1847. si^