Einiges aus Westphalen.
Alt- nud NeMvcstphale». — Zwei Charakterzügc.— Die Vorliebe der Regierung. — DaS Ninnsterlond.--- ArnSbcrg und das Sauerl.ind. — Die Grnfschgft Mnrk. — Pietisten. — Geistige Bildung.
Die Provinz Westphalen ist unverdienter Weise dem Gespött anheimgefallen. Man nennt sie höhnend „ das deutsche Böotic»," oder die Vendee des deutschen Reichs, indem man sich durch einige Züge täuschen läßt, deren Verhältniß zum Ganzen man nicht begreift. Westphalen wurde ignvrirt und wird es theilweise noch, obwohl in der letzten Zeit die aufsteigenden Ideen des sich entwickelnden Selbstbewußtseins nicht mehr verkannt werden können. Der Grundcharacterzug der Wcstphaleu ist der Konservatismus im ächten Sinne des Wortes. Aus diesem lasse» sich alle geschichtlichen Ereignisse begreifen, die Westphalen Von seinem ersten Bekanntwerden an auszuweisen hat. Jenes Festhalten am Gewohnten, am Bestehenden, für welches man Gut und Leben zu opfern bereit war, ist der tiefere Grund, weshalb die römischen Heere einst in Westphalen einen so energischen Widerstand fanden. Kein Vvlksstamm Germaniens kämpfte in dem Maaße für seine einheimischen Zustände, wie die Bewohner des Lippe- und Wesernfers. Man hat den Arminius als Germaniens Hort und Beschützer laut gepriesen, man hat ihn den Retter der deutschen Nationalität genannt und ihm den Sieg "»gerechnet, den die germanische Welt in ihrem Zusammenstoßen mit der römischen erachten. Man hat gesagt, ohne Arminius und seine Westphalen gäbe es kein deutsches- Volk, keine germanische Weltanschauung. Wenn man daraus den Besiegen, der römischen Heere einen Rnhm vindiciren will, so verkennt man gänzlich die damaligen Verhältnisse. Die Westphalen bekämpften die Römer nicht, um Deutschland von den fremden Eindringlingen zu befreien, sie stellten sich ihnen entgegen, weil man ihnen ihre Einrichtungen entreißen wollte, weil ihre Zustände gefährdet waren, mit denen man so verschmolzen war, daß man ohne sie nicht leben konnte. Es war also der Kamps gegen die römischen Adler nicht ein Kampf aus Frcihcitsmotivcn, eS war ein Act der bloßen Nothwendigkeit, und jene triviale Begeisterung für den deutschen Herrmann ist somit in ihr gebührendes Nichts verwiesen. Nach der Vertreibung der Römer aus Westphalen, als man wieder seinen Sitten und Gewohnheiten gemäß leben konnte, war '"an zufrieden, und erst dann trat Westphalen wieder in der Geschichte auf, als seine ^»stände zum zweiten Male gefährdet waren. Die Römer wurden bald vergessen; nur euu'ge Ortsnamen erinnern noch an jene Kämpfe und an Hcrrmann, und wenige Strophen scheinen Klänge aus einem alten Volksliede zu sein, das diese Kämpfe verherrlichte. Sie leben in Westphalen im Munde der Jugend, und man hört sie aus der Straße in der originell nnd ungeschliffen klingenden plattdeutschen Mundart'
„Herrmann, Schlag Lärm an. Schlag Pauken und Trommeln, Der Kaiser will komme», Mit Schippen und Stangen, Und Herrmann einfangen." Gr-nzs.otctt. IV. 1S'.7. ,55