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Der Ball der großen Oper.
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er in jenen furchtbaren Mordtagen kein geliebtes Herz verloren. Er ist jung und reich warum sollte er nicht leichtsinnig sein dürfen?

Einige Wochen nach meiner Ankunft in Paris, als ich eines Abends träu­mend bei den verglimmenden Kohlen meines Kamins iin Hütcl Violet saß, weckte mich auf einmal ein seltsamer Höruertou. Er kam näher uud näher, es war nur ein einziger langgezogener Ton, aber so seltsam modulirt, wie ich noch nie einen ähnlichen gehört hatte. Die alten Bacchantenhörner kamen mir wieder in's Ge­dächtniß, ich erinnerte mich gelesen zu haben, daß sie sich in Frankreich wie ein Nest der römischen Saturnalieu erhalten hätten. Ich sah in den Kalender es war Dienstag, der letzte Faschingstag im Jahre. Heute oder nie mußte ich den Ball der großen Oper sehen. Mein Entschluß war schnell gefaßt. Ich zog mei­nen schwarzen Frack an, ging die Treppe hinab und sagte dem Portier, daß ich erst gegen Morgen nach Hause kommen würde.

Die Nacht war lau, keiue Winternacht mit Frost nnd Schnee, eine schöne sternhelle Nacht, wie zur Freude geschaffen. Auf dem Boulevard Montmartre wogte ein Gedränge von cingehülltcu Männern uud Frauen, unter ihren Mänteln blickten phantastisch die seltsamen Maskenklcider hervor. Im endlosen Zuge jagten die Wagen vorbei. Am 1^^«ilxo 60 I'Ojioi-t war das Gedränge so groß, daß man willenlos wie vom Strome fortgerissen wurde.I^es Killet« nour I« bal Messieurs ^ii-rviu^ vus billets!" schrien die Ausrufer. Die Stiefelputzer hiel­ten, wen sie zuerst erwischen konnten, an dem Fuße fest: Nonslvnr t'iütvs cirer vos bottes! Im Cvrridor wurde das Gedränge noch ärger, denn hier war es der­selbe ungeduldige Strom vou Menschen, der fortwährend schwoll, aber fast ge­dämmt war uud nur allmälig ausweichen konnte. Die Mehrzahl waren Masken, Masken von allen Farben und Nationen, Masken von allen Zeiten und Ländern. Die Bajazzo und die Wilden, die Savoyarden und die Chalifen, die Lazaroni's nnd die Magier, die Ritter uud die Postillione, die Tempelherren nnd die Apotheker, die Nnssen und die Arlel'ins drängten sich, wälzten sich, schoben sich, nnd Alle schrieen nnd lachten nnd qnikteu mit ihren gellenden Larvcnstimmen. Schaaren junger Lente, die bei Velour und den tr«i-es j,i-c>veu<:imx gegessen haben mochten, kamen lärmend herein, ohne Maske, doch die Wangen von Champagner geröthet uud das Gesicht mit angebrannten Korkstöpseln angenehm tätowirt. Lauter und wilder noch als die Männer lärmten die Frauen. Die Minderzahl der Damen waren Domino's, die Mehrzahl trug die reizende Tracht der Debardeurs. Soll ich eine Beschreibung dieses Costüms geben? Ein Debardeur steckt ganz in Atlas und Spitzen. Er hat ein weites Pantalon von weißem oder rosafarbenem Atlas und trägt ein Männerhcmd von Battist, das den Bnsen vortheilhaft zeigt. Das lange Frauenhaar ist eingerollt, wie es die Schauspielerinnen in Pagenrollen auf dem Theater tragen nnd leicht gepudert. Eiu sammtenes Barett mit goldener Tresse vollendet den Anzug des Debardeurs. Doch ucin! ich vergesse noch die schmale