Die nettesten Romane.
Die reifere Bildung mag sich gegen die gelesenen Schriftsteller, „die Kleinhändler der Literatur", so vornehm stellen als sie will, für die Erkenntniß der geheimern Regungen iu den innerlichen Tiefen des Volkslebens werden jene Novellen, Romane, Possen, oder uuter welchen Formen sonst die Unmittelbarkeit des Gemüths sich aussprechen mag, immer von der größten Wichtigkeit sein. Wenn ein glückliches Gestirn solchen Schrifftellern anßer der Gabe der Mittheilung auch die Anmuth der Form, den Sinn für geistige Bildung verlieh, so wird der Einfluß auf die Zeit, der Geuuß, den sie gewähren, von größerer Dauer sein; Hier kommt es uns aber gerade auf den Moment au, auf den Pulsschlag der Zeit, dem wir weit entfernt sind die Bedeutung einer göttlichen Begabung beimesfeu zu wollen. Die ewig heitern Museu fiud zeitlos, aber der Naturforscher der Seele muß nicht prüde sein, wenn er zu seinem Zwecke kommen will.
Es wird wohl Keiner bestreiken, daß in der populären Literatur unserer Tage Frankreich und England wieder den Vortritt haben; unsere Buchhändler köunen es am besten bezeugen. Was hilft es, darüber zu klagen? es Miß wohl seinen Grund haben, und diesen Grund zu suchen, ist eben der Mühe werth. Nur muß man nicht das alte Mährchen der Censur austischen wollen; die Censoren gehören auch zum Volke, uud woran das Volk sich ernstlich amüsirt, das wird keine Schcere ablösen.
In Frankreich unterschcideu wir zwei Richtungen der Romantik: die moralisch-sentimentale, wenn ich mich so ausdrücken darf; die andere die sogenannten „Fantaiststen" mit der alt traditionellen Frivolität des französischen Geistes.
Jener Zwiespalt zwischen dem Interesse an den moralischen Schaudergemälden E. Sue's und der muntern Geschwätzigkeit Dumas' setzt, wenn wir uns nicht gerade an den Ausdruck stoßen wollen, die alte Differenz fort zwischen den Romantikern uud den Classtkeru. Die einen sind unzufrieden, weil ihnen gewisse
26«