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Weimarische Zustände. I.
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hübschen Kastamenallee nach Belvedere, das auf lustiger und freundlicher Höhe liegt und bei einer zierlichen aber etwas dürftigen Parkanlage, eine Orangerie, einen reichen Blumenflor, etliche Fasanen und Schildkröten hat. Auf der andern Seite führt das saftige Jlmthal nordöstlich nach dem erinnerungsreichen Tieffurt, wo die Herzogin Amalie eine geistreiche, von gebildetem Gennß und grazienhaftem Scherz durchwirkte Idylle durchzuleben wußte. Der Park ist mehr vernachlässigt, als die Anlage von Belvedere, aber von natürlicher Ueppigkeit, und im Hochsom­mer ein erquickender Aufenthalt.

Man pflegt iu Weimar die Erinnerungen an die große Zeit mit vieler Sorg­falt. Das Goethe'sche Haus ist aus den Besuch von Fremden eingerichtet, und es sind poetische uud uupoetische Beschreibungen solcher Besuche genug geliefert worden. Herder hat man bei der Stadtkirche ans einem schwerlich geeigneten Platze ein Denkmal errichten wollen. Das Schiller'sche Hans wird jetzt eben zn einem Wallfahrtsorte für die Poesieglänbigen in Stand gesetzt. Die Idee, von der man hierbei ausgeht, Schiller's Arbeitszimmer in seiner ganzen Einfachheit zu belassen, oder vielmehr zu solcher wieder herzustellen und mit den alten, von Schiller gebrauchten Gerätschaften zu versehen, dagegen das vordere Zimmer ans das Glänzendste auszustatten und zu einem kleinen Tempel des Schiller'schcn Ruhms auszuschmücken, hat durch deu gesuchten Coutrast einen etwas affectirten Beigeschmack, obgleich man gestehen muß, daß iu Schiller's Leben und Erscheinung ein ähnlicher Contrast liegt, indem er, der auf strahlendem Cvthurn über die Köpfe der Fürsten und Völker hinwcgschritt, seine eigene äußere Existenz nicht über das Gewöhnliche, Mangelhafte und Unscheinbare hinausrückeu konnte. Daß aber der moderneCul­tus des Genius" uicht über ein kleinliches Reliquicnwesen hinauskommt, und als inne­rer nnd äußerer, nicht zur Allgemeinheit uud Dessen tlichkeit gedeiht, ist ein Zeichen, so wohl von der Zerrissenheit unserer Bildung, die bei den Massen eine wesentlich, nicht nur quantitativ andere ist, als bei den specifisch Gebildeten, als auch von demMangcl an öffentlichem Leben überhaupt uud der Neigung, Alles zu einer Privatsache zu ma­chen. Aber abgesehen von den Verlegenheiten unserer Plastik, die nicht weiß, ob sie bei solchen Standbildern durch Portraittrcue uud Beibehaltung der modernen Klei­dung den plastischen Sinn auf die Folter spaunen, oder durch Antitisirung der Gestalt und der Gewänder, die Männer, die sie darstellt, aus der historischen Schaale, in die sie für unsere Anschauung verwachsen sind, hcransschälcn, nnd so verallgemeinern soll, daß sie uns fremd entgegenstehen, abgeseheil von diesem Pro­blem, das durch unglückliche Vermittelungsversuche noch nicht gelöst ist, erscheint schon die freie Aufstellung von Statueu als ein Widerspruch gegen unser Klima, unsere Regentage und unseren Winter. Auch weun wir uns auf den Erzguß be­schränken und dadurch die wirkliche» schädlichen Einflüsse verhüten wollen, eine Beschränkung, die immer eiue Fessel der Kunst ist, so gewährt eine beschneite Sta­tue sws einen unbehaglichen Anblick, wir bemitleiden unwillkürlich die den Un-