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Censoren und Censur in Wien.
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durch Routine lückenhaft angepaßtes ist. Im Ganzen glaubt man, daß es wenigstens mittelbar dem Präsidenten der Polizei subordinirt bleiben wird. Die ganze Maßregel, wenn ihr nicht andere Principien zu Grunde gelegt werden, dürfte auf die Versorgung einiger neuen Beamten hin­auslaufen und im Ganzen nichts bessern. So viel ist gewiß, daß der jetzige Zustand bis zur Unerträglichkeit und, was noch schlimmer ist, zur Lächerlichkeit herangediehen ist. Jeder der Censurbeamten selbst ist davon durchdrungen, aber alle zusammen verfolgen consequent das ob- scurante Princip und es ist da umgekehrt der Fall, was Grillparzer vom Publicum sagt:Stellt zehn Dummköpfe nebeneinander und laßt sie ein Publicum bilden, so fährt der Gott in sie." Hier heißt es: Stellt zehn geschridte Männer zusammen und laßt sie die Censur bilden so fährt der Gott aus ihnen. Nicht das Censurgcsetz, so schlimm und drückend dieses ist, ist, welches manche gesinnungsvolle Aeußerung, manche patriotische Meinung unterdrückt, aber die Willkür, die Be­schränktheit, endlich die politische Charakterlosigkeit ver Censoren sind eS, welche den Ruhigsten empören. Ein glänzendes Beispiel des Wi­derspruchs erlebte man dieser Tage bei der Aufführung des Bauernfeld'- schen Lustspieles:Großjährig", welches das bis jetzt Unerhörte, eine politische Satyre, auf dem Hofburgtheater zur Anhörung brachte und ohne eigentliche Erfindung, ohne Situationswitz eine Wirkung hervor­brachte, wie sie hier noch kaum erlebt wurde, und wie sie mit diesen Mitteln hervorzurufen noch Keiner gewagt hat. Merkwürdig ist es, daß der Censur die Bedeutung des Stückes nicht entging, denn sie soll den Autor aufgefordert haben, dafür zu sorgen, daß die Journale die­selbe nicht näher bezeichnen und herausheben. Während diese klägliche Berichte oder gar keine bringen, jubelt das Publicum fortgesetzt dem Stücke in gedrängten Massen zu. Wo steckt da die Klugheit? Wie traurig es unter solchen Umständen mit unserer Journalistik aussehen muß, ist leicht zu erachten. Wenn schon die Anzeige eines Stückes, das auf den Brettern des Hofburgtheaters vorüberzieht, scheelsüchtig überwacht wird, wie soll es da möglich sein, ein Wort über die Er­eignisse auf der politischen Bühne durchzubringen? Alle unsere Blätter sehen wie ungeschmalzter Mehlbrei aus, mit dem man die Kinder füttert, und einen wahrha/t komischen Eindruck macht es, wenn dann Plötzlich der österreichische Beobachter mit einem inhaltsschweren Artikel (wie die Motivirung der Einverleibung Krakau's) hervortritt; man hält sich den Kopf, man sieht verdutzt einander an. Wie? sind wir es, zu denen man spricht? sind wir die Leute, bei denen man voraussetzt,